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Topic: Toleranz ist nicht genug! (Read 29709 times) previous topic - next topic

Re: Toleranz ist nicht genug!

Reply #31
Der Kopf ist oben.
Er schaut halt realistisch nach vorne.

Re: Toleranz ist nicht genug!

Reply #32

Ich werd jetzt auf das Wort bemalen nicht anspringen, und setz einfach voraus dass die Geringschätzung die darin im trans-Kontext liegt nicht beabsichtigt ist. Dass die Metapher zu schön war, um ungenutzt zu bleiben.

Dann möchte ich mich gleich dafür entschuldigen, wenn sich jemand durch die Metapher gering geschätzt fühlt, das war nicht beabsichtigt. Wenn ich damit jemanden verletzen wollte, dann in erster Linie mich selber, da ich mich oft "rosa angemalt" fühle, wenn ich versuche, ganz auf der weiblichen Seite wahrgenommen zu werden.



Selbst wenn ich als Astronaut alleine in einem Raumschiff wäre. Ich würde irgendwelche Overalls oder Jogginganzüge tragen. Niemand sieht mich... selbst dann wäre es mir nicht egal. (nackt alleine auf der Insel ist mir zu kretürlich unsicher und da werden mir auch meine körperlichen Defizite zu sehr bewusst. Aber die Aussage wäre die gleiche.)

Bei Deinem letzten Satz verstehe ich den Bezug nicht. Welche Aussage genau wäre die gleiche?

Bist Du Dir sicher, dass Dir Dein Geschlecht nicht doch egal wäre, wenn Du Dein Leben lang, ohne jemals den Gegenpol erlebt zu haben, ohne Kleiderordnungen und Geschlechterrollen zu kennen auf diesem Raumschiff verbracht hättest?

Jetzt ist mir mein Geschlecht nicht egal, wenn ich alleine in meinem Zimmer bin dann ist mir mein Geschlecht auch nicht egal. Aber da bin ich schon sehr weitgehend auf die Wichtigkeit sozialer Geschlechter geprägt und möchte auchmich selbe überzeugen und von der Körper-bedignten Zweifeln erlösen. Das lässt sich nicht so ohne weiteres abschütteln. Um dieses Geschlecht aber sozial leben zu können bin ich auf die entsprechende soziale Interaktion angewiesen. Nur dadurch, dass ich mit Menschen Kontakt habe, kann ich zur sozialen Frau werden. Wenn ich das nicht bräuchte, dann könnte mir ein Zimmertransendasein genügen. Ich wäre so souverän in meiner Weiblichkeit, dass sie durch entgegengesetzte soziale Rückmeldugnen eben nicht in Frage gestellt würde. Ich wäre gerne so stark. Aber wenn ich ehrlich bin, so muss ich zugeben, dass ich das nicht bin.

Wenn das bei Euch anders ist, dann kann ich Euch ehrlich dafür beneiden.


Re: Toleranz ist nicht genug!

Reply #34

Bist Du Dir sicher, dass Dir Dein Geschlecht nicht doch egal wäre, wenn Du Dein Leben lang, ohne jemals den Gegenpol erlebt zu haben, ohne Kleiderordnungen und Geschlechterrollen zu kennen auf diesem Raumschiff verbracht hättest?


Ich bin nicht von meiner Vergangenheit teilbar. Wenn ich in einer Welt ohne Rollenzuweisungen aufgewachsen wäre, dann wäre ich sicher nicht in der Situation in der ich jetzt bin. Selbst wenn ich in einer anderen Konstellation aus Eltern, Großeltern, ohne die Defizite meiner Eltern und der damaligen Zeit aufgewachsen wäre, wäre ich ein anderer Mensch.

Ich kann da den Finger auf ein paar sachen drauflegen, deren Summe mich, speziell in meiner Geschlechtsidentität geformt hat. Und auch bei anderen meiner Macken.


Um dieses Geschlecht aber sozial leben zu können


Eine meiner Macken ist, dass ich sehr gut als Einsiedler leben könnte. Solang ich dabei ich selber wäre. der Mann hatte weder Freunde, noch Menschen die ihn wirklich gut kennen. Die einzigen Bekannten und sozialen Kontakte ausserhalb meiner Famile (Vater-Mutter-Kinder-Familie) hat die Frau.

Aber selbst die könnte alleine leben, denn der Mensch der ich bin... naja, es geht ihr besser wenn ihr keiner an die Gurgel gehen kann.

Re: Toleranz ist nicht genug!

Reply #35

Um dieses Geschlecht aber sozial leben zu können bin ich auf die entsprechende soziale Interaktion angewiesen. Nur dadurch, dass ich mit Menschen Kontakt habe, kann ich zur sozialen Frau werden. Wenn ich das nicht bräuchte, dann könnte mir ein Zimmertransendasein genügen. Ich wäre so souverän in meiner Weiblichkeit, dass sie durch entgegengesetzte soziale Rückmeldugnen eben nicht in Frage gestellt würde. Ich wäre gerne so stark. Aber wenn ich ehrlich bin, so muss ich zugeben, dass ich das nicht bin.

Wenn das bei Euch anders ist, dann kann ich Euch ehrlich dafür beneiden.

So hätte ich es auch gerne gesagt, wenn ich es so gut hätte formulieren können.
Inklusive der Neid auf die, die für sich selbst allein so stark und selbstsicher sind.

Re: Toleranz ist nicht genug!

Reply #36



Wenn das bei Euch anders ist, dann kann ich Euch ehrlich dafür beneiden.


Inklusive der Neid auf die, die für sich selbst allein so stark und selbstsicher sind.


Jula, Nicola... was ist das ist. Für Neid gibts es keinen Grund. Meine Beine reichen auch nur vom Bauch bis auf dem Boden.

Aus Julas Buch stammt das Bild von der Kugel auf dem Hügel. So gemeint, dass ein kleiner Anstoß genügt, um die Kugel auf eine Seite rollen zu lassen. Das bezog sich auf die Aussenwirkung, als welches Geschlecht man wahrgenommen wird. Ein kleines Detail genügt und du bist Mann, und nicht mehr Frau.

Ich möchte das Bild auch verwenden. Für mich war es ein jahrzehntelanger Kampf, in der Selbstwahrnehmung auf dem Gipfel liegen zu bleiben. Meine Augen, meine Geburtsurkunde, die biologische Funktion meiner Genitalien und meine Umwelt sagten mir, da ist ein Mann. Meine Gefühle sagten was anderes. Diese Euphorie... dieser ganz andere Zustand wenn ich mich als Frau präsentierte. Die Spannung zwischen beiden Polen, und der Kraftakt dazwischen liegen zu bleiben. Ich würde sagen, ich habe meine Weiblichkeit auch in der Wahrnehmung der Umwelt gesehen. Und habe genauso Akzeptanz eingefordert, für mein Aufbrechen der Geschlechter, für das Verwischen der Polarität.

Jetzt ist es passiert, ich bin auf meiner Seite augekommen. Und bin da ganz eindeutig. Ich brauch keine Aussenwahrnehmung um mein Recht ich selbst zu sein zu bestätigen. Keine Macht der Welt kriegt mich über den Hügel auf die andere Seite. Ich weiß wer ich bin. Wer was anderes sieht, der lässt sich halt von der Oberfläche täuschen. Ich hab ne Blume ausgepackt. Geknickt, eingerissen, zerzaust. Egal. Ich find sie schön.

Re: Toleranz ist nicht genug!

Reply #37


Ich ...



das war jetzt wieder sehr persönlich. Und natürlich hab ich in vielen Schichten gedacht als ich das geschrieben habe. Ich will niemanden in die Schablone meiner Irrungen und Wirrungen pressen. Dennoch passiert es mir immer wieder. Tatsache ist aber, ich kann nicht raus aus meiner Haut, aus meinen Erfahrungen. Wenn ich dann versuche, mich in andere reinzudenken, bin ich nie sicher, ob ich mich REIN-denke, also anpasse, oder ob ich versuche, das andere Leben in den Fragmenten die ich in den Texten zu erkennen glaube, dem meinen anzupassen. Ob ich nicht da und dort ein Stück finde, das zu dem einen oder anderen Stück in meinem Leben passt, und draus dann ableite, mein lebens-ENTWURF wäre eine geeignete Schablone für andere. Und hier mach ich mich, glaub ich, schuldig. Ich kann nicht genau sagen wessen. Vielleicht nur der Arroganz desjenigen der glaubt, es gut zu machen. Und das ist schlimm genug.

Ich bin sehr selbstsicher im Moment. Das find ich grad nicht sympathisch.

Re: Toleranz ist nicht genug!

Reply #38

Ich bin sehr selbstsicher im Moment. Das find ich grad nicht sympathisch.

Selbstsicherheit finde ich sehr sympatisch. Unsympatisch finde ich lediglich gespielte Selbstsicherheit, da diese oft mit Aroganz gepaart ist.

Und zu deiner Beruhigung. Ich empfand Deinen Beitrag weder arogant, überheblich noch vereinnahmend. Ich mag persönliche Aussagen, wenn sie ehrlich und selbstkritisch sind. Ich glaube, nur das bringt uns wirklich weiter.

Viele Deiner Ausagen waren für mich zunächst sehr schwer zu verstehen. Aber nach dem vierten Mal Lesen ging es allmählich. Und auch das finde ich zwar mühsam, aber nicht unbedingt schlecht, denn es zwingt mich zum Nachdenken und Nachspührn und dadurch werden mitunter Aspekte für mich verständlich, die ich bei leicht zu lesenden Texten sehr einfach von mir schieben kann.

Re: Toleranz ist nicht genug!

Reply #39
es wurde ja schon von anderen angesprochen inwieweit es wirklich wünschenswert wäre oder für uns essentiell ist ob die von Jula so schön beschriebene Treppe unbedingt weiter in Richtung Akzeptanz und Selbstverständlichkeit beschritten werden muss. Abgesehen davon, ob Selbstverständlichkeit überhaupt ein realistisches Ziel ist, was ich sehr stark bezweifle (da müsste man ja schon bei Kleinkindern und Schulbüchern anfangen), muss ich für mich persönlich sagen, dass es mir ziemlich egal ist was fremde Personen, die als anonyme Passanten an mir vorbeistreichen, wirklich über mich denken und in welchem Masse sie mich akzeptieren oder inwieweit sie meine Erscheinung als selbstverständlich in der Gesellschaft ansehen. Wenn ich mir darüber ständig Gedanken machen würde, würde jeder Ausflug zu einer Tortour werden. Da reicht mir Toleranz vollständig aus. Wobei ich mir vorstellen könnte, dass es einige unter Euch gibt, denen selbst die Toleranz inzwischen wurscht geworden ist ;)

Mir ist ein anderer Aspekt im Zshang mit Julas Treppe viel wichtiger. Für mein Wohlbefinden reicht es nicht, die Toleranz von wildfremden Personen zu erfahren. Was ich essentiell brauche um mich als Mensch zu fühlen ist ein zwischenmenschlicher warmer Kontakt zu anderen Personen, die mich sowohl akzeptieren als auch mir das Gefühl geben, dass ich als Ganzes völlig selbstverständlich für sie bin. Ich möchte das etwas in meinem Herzen ankommt, etwas warmes, wo ich mich wohl und kuschelig fühlen kann. Das brauche ich nicht von vielen Personen, es reichen wenige. Und es muss keine Beziehung sein, Freundschaft reicht völlig. Wozu soll ich meine ganze Zeit damit verplempern die ganze Gesellschaft davon zu überzeugen, dass Toleranz nicht reicht. Von wildfremden Personen werde ich nie etwas warmes empfangen, egal ob sie mir das schriftlich geben oder nicht. Klar möchte ich auch, dass die rechtlichen und sozialen Strukturen in einer Gesellschaft so sind, dass wir nicht diskrimiert werden. Aber das ist ein anderes Thema. Ich sehe die Treppe von Jula erstmal von der rein gefühlsmässigen Ebene her. Und da denke ich sollte man zwischen der Gesellschaft als Ganzem und den persönlichen Kontakten unterscheiden und für sich selber Prioritäten setzen.



Re: Toleranz ist nicht genug!

Reply #42
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AKZEPTANZ ist gefragt. Darunter geht - zB bei mir - gar nichts.


ist doch schön, hab auch nix dagegen ;) Jede findet für sich selber den richtigen Weg und setzt ihre Prioritäten woanders. Das Leben ist halt bunt und das blödste was sein kannst ist farbenblind. Und deshalb versuch ich halt auch Zeit zu finden die Farben zu geniessen statt mich ständig zu ärgern.

Re: Toleranz ist nicht genug!

Reply #43
Nach langem Winterwandertag musste sich unsere Gruppe auf mehrere Zimmer im Gasthof aufteilen. Eine Mutter mit ihrer neunjährigen Tochter kam in ein Dreibettzimmer, also sollte noch eine Frau dazu. Die Wahl fiel auf mich (zu der Zeit noch pre-OP). Beispiele wie dieses machen den Unterschied zwischen reinem Beachten der Menschenrechte und wirklich ernst genommen werden. Toleranz ist genug, um sich in der Öffentlichkeit angstfrei bewegen zu können, und leider längst nicht in allen Gegenden der Welt die Norm. Aber vom eigenen sozialen Umfeld möchten Menschen ernst genommen werden, weshalb dort Toleranz nicht genug ist sondern Akzeptanz erwartet werden darf.


Re: Toleranz ist nicht genug!

Reply #44
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Nach langem Winterwandertag musste sich unsere Gruppe auf mehrere Zimmer im Gasthof aufteilen. Eine Mutter mit ihrer neunjährigen Tochter kam in ein Dreibettzimmer, also sollte noch eine Frau dazu. Die Wahl fiel auf mich (zu der Zeit noch pre-OP). Beispiele wie dieses machen den Unterschied zwischen reinem Beachten der Menschenrechte und wirklich ernst genommen werden. Toleranz ist genug, um sich in der Öffentlichkeit angstfrei bewegen zu können, und leider längst nicht in allen Gegenden der Welt die Norm. Aber vom eigenen sozialen Umfeld möchten Menschen ernst genommen werden, weshalb dort Toleranz nicht genug ist sondern Akzeptanz erwartet werden darf.




verstehe natürlich, dass sich frau bei engerer sozialer Kommunikation nicht nur Toleranz, sondern auch Akzeptanz wenn nicht sogar Selbstverständlichkeit wünscht, das geht mir ja nicht anders. Aber Akzeptanz setzt ein Gefühl von meinem Gegenüber voraus, dieses Gefühl kann ich mir wünschen oder erhoffen, ich kann es fördern durch mein Verhalten, mein Aussehen, meine Ausstrahlung, aber erzwingen kann ich gar nichts. Toleranz ist eine reine Frage der Höflichkeit und des Respekts, das kann man erwarten, Akzeptanz oder Selbstverständlichkeit kann man aus meiner Sicht nur erhoffen und durch eigenes aktives Mitwirken erzeugen. Irgendwie ist es für mich auch eine Art Toleranz die Akzeptanz nicht zu erwarten. Ich kenne liebe Menschen, die mich niemals in dem Sinne akzeptieren werden wie es Jula beschrieben hat, mich aber trotzdem tolerieren, ich verdamme sie nicht, sondern bin auch für die Toleranz dankbar. Akzeptanz und Selbstverständlichkeit zu erhalten ist für mich immer noch ein grosses Geschenk und keine Selbstverständlichkeit, ob ich sie erhalte bleibt ein Lotterie-Spiel. Erhalte ich sie mal nicht, versetzt es mir einen kleinen Stich ins Herz, aber ich versuche es zu ignorieren und mich damit zu trösten, dass es immer noch genügend viele gibt, die es mir schenken. Vielleicht denke ich da zu naiv und banal, aber was besseres ist mir bisher nicht eingefallen, sry.