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Topic: Genderqueer am Arbeitsplatz (Read 21311 times) previous topic - next topic

Re: Genderqueer am Arbeitsplatz

Reply #60

Auf Messen hat so ein Mensch aber auch einen Wiedererkennungswert. An die grauen Mäuse erinnert sich keiner.



:D



Und geht auch ohne das "Kaspergewand" ... ääh ... einheitliche Firmenbekleidung (neudummdeutsch auch "Corporate Identity" genannt) - dazu hatte ich dann halbhohe braune Pumps an, was bei ca 10 Stunden Stehen + 2 x 1 Std Anreise von der Unterkunft und zurück + ggf noch eine bisweilen längere Abendveranstaltung von der Bequemlichkeit und Fußgesundheit her nicht gerade das allerbeste Wahl ist. Nach so einem Arbeitstag ist man auch in optimalem Schuhwerk immer völlig fertig:


 

Es war 2008 meine erste Messe "als Frau".
Am Ende dieser Messe kam beim Abbau eine Kollegin von einem Stand aus der Nähe zu mir und sagte, daß sie mit einem (männlichen) Kollegen gewettet hätte, ob ich "schon immer eine Frau gewesen sei", oder eine T. Der Kollege tippte auf "schon immer", sie auf T. (Das muß dort wohl die ganze Woche immer wieder im Gespräch gewesen sein.)
Ich sagte ihr zwar, was Sache ist. Nache einem kurzen Gespräch darüber fragte ich sie am Schluß, ob sie dies vlt dem Kollegen nicht unbedingt sagen bräuchte.
Da meinte sie bemerkbar verlegen und mit leicht weinerlicher Stimme: "Aber ich hab doch recht gehabt."
Man merkte ihr dabei deutlich an, daß sie sich dabei irgendwie nicht recht wohl fühlte.


Und noch ein anderes Aha-Erlebnis hatte ich auf dieser Messe:
An einem frühen Morgen stand ich genau so neben diesem Gerät auf dem ersten Bild und wartete auf den ersten Kunden. Dieser Platz war vorne rechts auf dem Stand Die anderen Kollegen - alle Männer standen recht in 10 m Entfernung alle zusammen und haben sich miteinander unterhalten, weil noch kein Besucher da war.

Der erste Kunde - ein Mann wie ca 80 - 90% aller Messebesucher dieser  Branche - kam von rechts um die Ecke und schoß mit einer knapp dahingemurmelten Erwiderung meines Grußes zielgerichtet an mir vorbei und ging zu dem versammelten Kollegen am anderen Ende des Stands und fragte die nach genau den Geräten, bei denen ich gerade stand. Dort hat er dann erfahren, daß er sich doch bitte "an die Kollegin da drüben" wenden sollte, weil die für diese Geräte zuständig sei. Er kam mit sichtlicher Verlegenheit im Gesicht zurückgeschlichen und gab mir die Hand und stellte mir seine Fragen. Nur so viel dazu, wie ernst Frauen in einer solchen Branche als Ansprechpartner genommen werden. War mir zwar schon immer klar, aber selbst erlebt hatte ich es da zum ersten Mal am eigenen Leib.

Daß er dann nach ausführlicher sachlicher Beratung und bei vergleichsweise guten Preisen auf dieser Messe doch nichts davon bei uns gekauft hatte, könnte natürlich auf seine Irritierung am Anfang des Verkaufsgesprächs gelegen haben. Die Wahrscheinlichkeit dieser Annahme ist allerdings nicht wirklich vermutbar. Auf solchen Messen kommt es erfahrungsgemäß bei geschätzt höchsten 1 bis 3% aller Verkaufsgespräche zu einem Abschluß - vorausgesetzt, die Verkaufsgespräche waren seitens des Verkäufers auch sachlich richtig durchgeführt. Das verschwindet somit ohne wirkliche Beweiskraft im statistischen Nirwana.


Zum Wiedererkennungswert noch eine kleine Geschichte von meinem Bruder, die mit T* nichts zu tun hat:
Auch das männliche Standpersonal trägt bei uns auf Messen meistens diese auffällige Kombination von rot und gelb, ggf auch schon mal zusammen mit einer schwarzen Hose.
Eines Tages war er mal auf einer Abendveranstaltung der IHK. Bekleidet mit einem signalroten  Sakko zur schwarzen Hose - er wollte ja von allen wiedererkannt werden. Dummerweise hatte die Kapelle, die dort gespielt hatte auch solche roten Jacken an.
Ein anderer Gast der Veranstaltung zu ihm: "Schön gespielt habt ihr."
Als er mir dies berichtet hatte, meinte er nur: "Verwachst!  ;D "


Und noch etwas zu "professioneller" Berufsbekleidung von Frauen - und zwar allgemein und unabhängig von T* oder nicht - und zur Rangordnung in der Kleiderordnung:

Auf einer anderen Messe ca 10 oder 15 Jahre davor hatte ich mal als Bescher etwas zu tun auf dem Stand einer italienischen Firma für elektrische und elektronische Meßgeräte.
Die Chefin der Firma war zufällig eine Frau. An dem Stand war außer ihr ausschließlich weibliches Personal. (Was insgesamt in dieser Branche schon eine auffallend große Ausnahme darstellt - siehe oben.)

Ich komm um die Ecke und sehe die 3 Frauen. Ich kannte noch keine von ihnen persönlich. Ich wußte nach dem ersten Blick, welche von ihnen die Chefin war, die ich suchte, und ging freundlich grüßend und ohne wie üblich in solchen Fällen die oder den ersten nach der richtigen Ansprechpartnerin zu fragen an den beiden anderen vorbei und hab gleich die richtige angesprochen: "Guten Tag, Sie sind sicher die Frau P.-N.?" Es konnte nur die eine sein.

Sie war nicht nur erkennbar die Älteste der 3. (Ich kannte ihre Stimme schon vom Telefon und konnte von daher schon Rückschlüsse auf ihr vermutliches Alter schließen. Die anderen waren beide deutlich jünger.) Allein schon ihre vollständig schwarze Kleidung in ausgewähltem italienischen Chic hob sie deutlich über die beiden grauen Mäuse in Standard Büro-Bekleidung hinaus, die in diesem Fall tatsächlich auch grau war. Und es lag nicht an der Länge der Röcke, die bei allen ungefähr gleich knapp über dem Knie endeten.


liebe grüße
triona  

Re: Genderqueer am Arbeitsplatz

Reply #61

Aber ich irritiere. Jedoch tue ich das vielleicht 1-2 Minuten. Wie eine Person, die im ersten Moment nicht zu passen scheint. Eine tatöwierte Frau am Bankschalter. Ein Mann mit Irokese im Geschäftsmeeting. Danach weicht die Irritation dem fachlichen. Konzentriert man sich auf das Thema, weswegen man zusammen sitzt. Tritt die Erscheinung ein Stückweit in den Hintergrund.

Sofern nach der Irritation überhaupt noch das fachliche zur Debatte steht.


Es ist einfach zu behaupten, dass man eine gewisse Professionalität in seinem Auftreten haben sollte. Das stimmt auch in einem gewissen Umfang. Man sollte zumindest gepflegt wirken. Alles darüber hinaus jedoch, obliegt einer gewissen Individualität. So wie eine lieber im Kostüm kommt, während die andere Hosenanzüge bevorzugt und die dritte eher in schicker Jeans mit Bluse daher kommt, kann man auch seinen Stil einfliessen lassen.

Das kommt nur auf den Job an und darauf, welcher Dresscode da für Frau und Mann vorgegeben ist. In der Bank kommst du maximal zwei Mal in Jeans, auch am Casual Friday, danach nicht mehr.


Irritationen entstehen nicht wegen mir, sondern wegen den Bildern in den Köpfen anderer. Ich habe nun zwei Möglichkeiten: Mich den Bildern anzupassen oder zu versuchen die Bilder in den Köpfen zu verändern.
Zugegebenermaßen, die Situation hängt immer von den Privilegien ab, die man hat. Wenn man in einem Dienstverhältnis ist, in dem solche Vorstöße schnell abgestraft werden, sieht man eher davon ab als in einem Betrieb in dem es durchaus geduldet wird. Ebenso hängt es mit dem eigenen Selbstbewusstsein zusammen und der Wirkung die man auf Leute entweder hat oder nicht hat.

Es hängt einzig von den Möglichkeiten ab die man hat oder nicht. Gibt es strikte Kleidungskonventionen, passt man sich entweder an oder Frau ist raus.



Ich frage mich, warum ein Streben nach einem ganze normalen Rollenleben mit (gutem) Passing immer negativ (z.B. Unterwerfung) besetzt wird.

Weil die Mühen, den gesellschaftlichen Zwängen so gut wie möglich zu entsprechen, der Suche nach dem individuellen Selbst behindern.

Also ich passe mich lieber für manche gesellschaftliche Kreise an, anstatt ständig aufzufallen und penetranten Blicken ausgesetzt zu sein. Aber hier sind wir beiden wohl auch grundverschieden. Du genießt es zu irritieren und zu verwirren - ich überhaupt nicht, ich gehe lieber in der Masse unter - was nicht heißt das ich nicht schick rumlaufen will :D.


Auf Messen hat so ein Mensch aber auch einen Wiedererkennungswert. An die grauen Mäuse erinnert sich keiner.

Warum "aber"? Exakt das. Man kann die Irritation dafür nutzen, in den Köpfen der Leute zu bleiben. Es ist eben die Frage, inwieweit man damit umgeht. Als negatives Manko oder als positives Merkmal.

Du kannst nicht beeinflussen ob dein Gegenüber das positiv oder negativ wertet.

Re: Genderqueer am Arbeitsplatz

Reply #62
Sofern nach der Irritation überhaupt noch das fachliche zur Debatte steht.

Das hängt davon ab, wie stimmig Du im Gesamtbild wirkst.

Quote from: Julia Svea
Das kommt nur auf den Job an und darauf, welcher Dresscode da für Frau und Mann vorgegeben ist. In der Bank kommst du maximal zwei Mal in Jeans, auch am Casual Friday, danach nicht mehr.

Natürlich. In einem Beruf, in dem Du schon mit Jeans aneckst, wirst du auch mit anderer Kleidung anecken. Dass das klar ist, habe ich mal vorausgesetzt.

Quote from: Julia Svea
Es hängt einzig von den Möglichkeiten ab die man hat oder nicht. Gibt es strikte Kleidungskonventionen, passt man sich entweder an oder Frau ist raus.

Was anders herum bedeutet, dass Du in einem Beruf ohne Kleiderkonventionen tragen kannst was Du willst?
U.a. meinte ich das als "Privilegien". Heisst: Welche Stellung hast Du im Betrieb? Arbeitest Du eher im infrastrukturellem Bereich mit wenig Kundenkontakt? Ist die Firma allgemein auch in der Außendarstellung nicht mit einem konservativen, seriösen Image versehen? Gibt es eine Kleiderordnung im Unternehmen?

Quote from: Julia Svea
Also ich passe mich lieber für manche gesellschaftliche Kreise an, anstatt ständig aufzufallen und penetranten Blicken ausgesetzt zu sein. Aber hier sind wir beiden wohl auch grundverschieden. Du genießt es zu irritieren und zu verwirren - ich überhaupt nicht, ich gehe lieber in der Masse unter - was nicht heißt das ich nicht schick rumlaufen will :D.

Das ist nicht ganz richtig. Ich will nicht ständig auffallen. Aber ich will auf den zweiten Blick oder zumindest bei mehr als nur einer flüchtigen Begegnung Irritationen aufbringen, die in den meisten Fällen mit entsprechendem Verhalten innerhalb kurzer Zeit wieder verschwinden.
Das klappt übrigens auch mit der dem Anlass entsprechenden Kleidung. Auf einer Hochzeit in einem Abendkleid irritiere ich im Zweifel auch. Ebenso wie im Kostüm hinter dem Bankschalter.

Quote from: Julia Svea
Du kannst nicht beeinflussen ob dein Gegenüber das positiv oder negativ wertet.

Um das Gegenüber ging es mir dabei eher in zweiter Hinsicht. Primär ging es mir um die eigene Person. Selbst wenn der Mensch Dich negativ in Erinnerung hat, wird er Dich eher in Erinnerung haben als [Frau x mit generischer grauer/schwarzer Geschäftskleidung].
Trionas Outfit da oben finde ich farblich grausam. Aber man wird sich an sie erinnern. Ich nenne das den Seitenbacher-Carglass-Effekt. ;)

Re: Genderqueer am Arbeitsplatz

Reply #63

Sofern nach der Irritation überhaupt noch das fachliche zur Debatte steht.

Das hängt davon ab, wie stimmig Du im Gesamtbild wirkst.

Würde ich deutlich enger fassen. In manchen Branchen (z.B. Bank) steht das fachliche nicht mehr zur Debatte wenn die Konventionen nicht eingehalten sind - egal welche Hierarchiestufe.


Quote from: Julia Svea

Es hängt einzig von den Möglichkeiten ab die man hat oder nicht. Gibt es strikte Kleidungskonventionen, passt man sich entweder an oder Frau ist raus.

Was anders herum bedeutet, dass Du in einem Beruf ohne Kleiderkonventionen tragen kannst was Du willst?

Innerhalb der Geschlechter, ja, übergreifend greift dann wieder die Konvention deines Gegenübers, ob er dich dann noch ernst nimmt.


Quote from: Julia Svea

Also ich passe mich lieber für manche gesellschaftliche Kreise an, anstatt ständig aufzufallen und penetranten Blicken ausgesetzt zu sein. Aber hier sind wir beiden wohl auch grundverschieden. Du genießt es zu irritieren und zu verwirren - ich überhaupt nicht, ich gehe lieber in der Masse unter - was nicht heißt das ich nicht schick rumlaufen will :D.

Das ist nicht ganz richtig. Ich will nicht ständig auffallen. Aber ich will auf den zweiten Blick oder zumindest bei mehr als nur einer flüchtigen Begegnung Irritationen aufbringen, die in den meisten Fällen mit entsprechendem Verhalten innerhalb kurzer Zeit wieder verschwinden.
Das klappt übrigens auch mit der dem Anlass entsprechenden Kleidung. Auf einer Hochzeit in einem Abendkleid irritiere ich im Zweifel auch. Ebenso wie im Kostüm hinter dem Bankschalter.

Und genau das möchte ich nicht, da ich denke, dass es das eigene Leben nur schwerer macht. Ich möchte keine Irritationen männlich/weiblich provozieren. Damit würde ich mir mein Leben nur selbst schwer machen, da ich es nicht "genießen" kann. Mein Ziel - und das klappt zum Glück ziemlich gut - ist es einfach normal zu leben, im Alltag nicht aufzufallen. Manche(r) wird es merken, weil sie aufmerksamer als andere durchs Leben gehen, aber die meisten nicht und dann muss ich nicht durch Kleidung oder Verhalten extra darauf aufmerksam machen.


Quote from: Julia Svea
Du kannst nicht beeinflussen ob dein Gegenüber das positiv oder negativ wertet.

Um das Gegenüber ging es mir dabei eher in zweiter Hinsicht. Primär ging es mir um die eigene Person. Selbst wenn der Mensch Dich negativ in Erinnerung hat, wird er Dich eher in Erinnerung haben als [Frau x mit generischer grauer/schwarzer Geschäftskleidung].
Trionas Outfit da oben finde ich farblich grausam. Aber man wird sich an sie erinnern. Ich nenne das den Seitenbacher-Carglass-Effekt. ;)

Also ich bleibe lieber nicht in Erinnerung als (auch für mich selbst) negativ aufgefallen zu sein.

Re: Genderqueer am Arbeitsplatz

Reply #64

... Trionas Outfit da oben finde ich farblich grausam. Aber man wird sich an sie erinnern. Ich nenne das den Seitenbacher-Carglass-Effekt. ;)


Ich vermute mal, daß du damit das grell leuchtende Rot-gelbe meinst.
Das ist wie schon erwähnt bewußt gewählte, uniformartige Firmenfarbe. Du siehst ja, daß es auch zu der Standdekoration paßt (denglicher Fachbegriff: corporate identity).

Das trage ich außerhalb von Messeständen niemals.  ;D  (Oder meinst du etwa das 3. in "zivil", das an einem anderen Tag aufgenommen worden ist, wo wir keinen Bock auf das betriebsintern auch so genannte Kaspergewand oder Papageiengewand hatten?) Die Farbgleichheit mit Carglass ist übrigens rein zufällig. In unserer Teilbranche kommt diese Kombination als Werbefarbe sonst nicht vor.

Unsere Stände und das Personal fallen damit immer auf - mit Absicht. Wir haben sogar eine riesige Styroporkugel (d = ca 1 m), glänzend in dem selben Gelb lackiert, mit dem Firmennamen auf 2 Seiten groß rot und fett drauf - selbstverständlich in der selben Schrifttype. Die steht auf großen Messen auf einem Mast in 4 m Höhe und leuchtet über die ganze Halle. Es gibt Kunden aus den vorangegangenen Jahren, die suchen schon nach der Kugel, wenn sie in die Halle hereinkommen, um uns zu finden, und sind ganz enttäuscht, wenn wir sie mal nicht dabei haben. Auch die ganzen Blenden rund um den Stand sind seit über 20 Jahren immer in den selben Farben, genauso wie unsere Kataloge und seit es das gibt unsere Netzseite (www.lichtherz.de). Unerkannt auf den Ständen des Wettbewerbs herumschnüffeln kann man so allerdings nicht.  Namensschild abmachen hilft da auch nicht mehr.:D

Diese Farbkombination ist auf einschlägigen Fachmessen seit vielen Jahren eine feste Größe und wird von den Kunden nach eigenem Bekunden in diesem Zusammenhang meist positiv wiedererkannt. Daß wir sonst so herumlaufen, wird wahrscheinlich kaum einer denken. Da sehe ich dann eher so aus, wie auf dem 3. Bild in meinem vorigen Beitrag.


Hier habe ich auch noch was gefunden aus der Zeit vor meinem Übergang:
Das männliche - und auch vermeintlich männliches - Standpersonal trägt selbstverständlich die selben Farben. Der Chef, der nicht so oft ölige Geräte vorführt, trägt bisweilen sogar gelbe Jacke und rotes Hemd. (Mit der Zeit hatten wir sogar die Langbinder abgeschafft und durch Querbinder ersetzt, die nicht dauernd an die öligen Sachen kommen. Und für die Motorradleute taugen Schlipse eh nichts für einen positiven Eindruck, und die Kluft wurde durch lockerere Kleidung ersetzt.)

 

in der Mitte der 1990-iger-Jahre mit meinem Bruder
(das Gelb des Sakkos ist bei Tageslicht deutlich heller, als es auf diesem Bild erscheint)

 ca 2004 / 2005

In einer Bank o.ä. haut das natürlich nicht hin. Muß halt immer an die Erwartung der Kundschaft angepaßt sein. Und bei Handwerkern kommen die Schlipsträger eben häufig nicht so gut an - und auch die Schicki-Micki-Kostümträgerinnen mit sehr hohen Hacken eben auch nicht.

Da reicht oft schon das bloße Merkmal "Frau", daß man von manchen (meist Männern) nicht ganz für voll genommen wird - wie im vorherigen Beitrag bereits erwähnt. Trans wird von einigen womöglich nicht mal mehr wahrgenommen, weil das in so einer Umgebung wahrscheinlich eh die Wenigsten erwarten, wo es eh nicht allzu viele Frauen gibt. Allerdings kenne ich in dieser Branche ein paar Kolleginnen mit einer sehr tiefen Stimme. Ich könnte da mal eine Telefonnummer weitergeben aus einer Werkzeugfabrik, wenn jemand mal eine Anfrage simulieren will. Klingt wie Mechthild Großmann aus dem Tatort Münster. :D


liebe grüße
triona


NB.:

Das was du "Seitenbacher-Carglass-Effekt" nennst, tritt in überspitzter Form übrigens auf in der Werbung von Mediamarkt", die ich selber allerdings nicht so sympatisch finde. Das finde ich ist auf eine aufdringliche Weise zu dick aufgetragen. Aber es scheint zu wirken. Doch ich kenne besseres.

Re: Genderqueer am Arbeitsplatz

Reply #65
@Triona
Ja, natürlich meinte ich das Firmenoutfit. ;)

...und "Carglass-Seitenbacher-Effekt" nur wegen der nervtötenden Radio-Werbung, die aber dennoch dafür sorgt, dass man es im Kopf hat und es teilweise sogar kauft.

Quote from: Julia Svea

Würde ich deutlich enger fassen. In manchen Branchen (z.B. Bank) steht das fachliche nicht mehr zur Debatte wenn die Konventionen nicht eingehalten sind - egal welche Hierarchiestufe.

Auch hier hängt es davon ab, wie gut Du Dich verkaufst, wie stimmig Dein Gesamtbild trotz des Bruches ist und wo und in welchem Bereich Du in der Branche arbeitest - und das Totschlagargument "aber in Branche xy muss man sich so und so kleiden" haben wir schon an anderer Stelle weiter untern hier gehabt.

Quote from: Julia Svea
Innerhalb der Geschlechter, ja, übergreifend greift dann wieder die Konvention deines Gegenübers, ob er dich dann noch ernst nimmt.

Du tust gerade so als müsste das ganze clownesk wirken. Als würde "Mischen der Geschlechter" immer mit einem lächerlichen oder unseriösem Auftreten einhergehen. Was ich so nicht unterschreiben würde. Ich denke mit dem richtigen Verständnis für Stil und der eigenen Figur kann man modisch/optisch durchaus den Vorwurf des Clowns abwerfen. Bleibt vielleicht noch der Vorwurf des Sonderlings. Aber das muss nicht schlimm sein, soweit die Leute Dir Deine Kompetenz weiter zusprechen.
...und wie gesagt, die Optik mag wichtig sein, aber die Ebene der Persönlichkeit würde ich niemals unterschätzen.

Quote from: Julia Svea
Und genau das möchte ich nicht, da ich denke, dass es das eigene Leben nur schwerer macht.

Macht es das? Warum? Inwiefern?

Quote
Ich möchte keine Irritationen männlich/weiblich provozieren. Damit würde ich mir mein Leben nur selbst schwer machen, da ich es nicht "genießen" kann. Mein Ziel - und das klappt zum Glück ziemlich gut - ist es einfach normal zu leben, im Alltag nicht aufzufallen. Manche(r) wird es merken, weil sie aufmerksamer als andere durchs Leben gehen, aber die meisten nicht und dann muss ich nicht durch Kleidung oder Verhalten extra darauf aufmerksam machen.

Aber genau das kann ich - mein Leben genießen. Ich lebe weitreichend "normal". Gerade weil ich die Andersartigkeit für mich soweit zur "Normalität" kultiviert habe, dass sie dadurch gar nicht so stark ins Gewicht fällt - und weil ich mich nicht daran störe zu irritieren. Das macht auf gewisse Art ohnehin jede_r.

Zumal Du gerade schwarz/weiss denkst, ohne Grautöne mitzunehmen. Natürlich ist und war mein Ziel, nicht ständig aufzufallen, wie bereits beschrieben. Sondern in einem gewissen Maße Widersprüche anzuführen, die verwirren können aber einem die Dinge näher bringen können. Es ist auch kein "Extra auffallen", sondern eher die Kommunikation dass es Teil von mir ist, dass ich so bin und dass es vielleicht nicht dem entspricht was man als Erwartungshaltung hat, aber dass es passt. Meine Stimme fällt nahezu immer auf. Irritiert kurz. Kurz danach aber ist sie für die Leute untrennbar mit mir verbunden und lange nicht mehr so widersprüchlich wie es im ersten Moment schien.

Quote from: Julia Svea
Also ich bleibe lieber nicht in Erinnerung als (auch für mich selbst) negativ aufgefallen zu sein.

Wer sagt, dass Du für Dich negativ aufgefallen bist? Du gehst wieder von Dir aus. Du kannst nicht beeinflussen ob Du bei Fremden positiv oder negativ in Erinnerung bleibst. Das sagtest Du selber. Was Du aber tun kannst, ist Du selbst zu sein. Womit Du für Dich selbst nur sehr schwierig negativ auffallen kannst. Wie andere das aufnehmen und bewerten, liegt nicht in Deiner Hand. Also mach Dir auch nicht zwingend den Kopf darüber. Solange der Großteil der Rezeption positiv ist und vor allen Dingen solange Du Dich wohlfühlst in Deiner Haut, ist alles im grünen Bereich.

Re: Genderqueer am Arbeitsplatz

Reply #66
Hier noch ein Beispiel aus einem "typischen Frauenarbeitsbereich", der nicht unbedingt aus dem schon öfters angesprochenen Bereich Bankschalter kommt.

So kleiden sich Rebecca Stache, "Deutschlands beste Sekretärin 2014" und ihre Wettbewerberinnen:

Foto: Daniel Bockwoldt, dpa

Foto: esselte

Foto: dpa

Foto: dpa

Frau Stache hat sich anscheinend zum Wettbewerb eine neue Frisur zugelegt.
Obs Zufall ist oder eine gezielte Maßnahme, läßt sich natürlich nicht sagen.
Das Verhältnis von Rockträgerinnen und Hosenträgerinnen war übrigens dem letzten Bild nach zu urteilen bei dem Wettbewerb anscheinend genau ausgeglichen.

Mit der Auswahl der gezeigten Ausstattungen dürfte es sich doch leben lassen.
Ich würde mich in so einem Büro und bei so einer Stellung wohl auch nicht viel anders kleiden, und könnte mich damit wohl auch wohlfühlen in meiner Haut.
Wer sich so verkleidet vorkommt, wird dann wahrscheinlich eher in einer Fabrik am Stanzautomaten stehen oder in der Wurstbraterei hinterm Tresen oder so was.


Hier ein paar Zeitungsberichte zum Wettbewerb, wo auch noch bisserl was zu diesem Berufsbild zu lesen ist:

http://www.freiepresse.de/NACHRICHTEN/TOP-THEMA/Tippse-war-gestern-artikel9030757.php
http://www.mopo.de/nachrichten/rebecca-stache--32--hamburgerin-ist-deutschlands-beste-sekretaerin,5067140,28816632.html
http://www.berliner-kurier.de/karriere/wettbewerb-gewonnen-sie-ist-die-beste-sekretaerin-deutschlands,21146690,28818664.html


liebe grüße
triona

Re: Genderqueer am Arbeitsplatz

Reply #67
Nachbemerkung:

Bevor jetzt der Einwand kommt: Mit "Genderqueer" haben diese Beispiele natürlich jetzt nichts mehr zu tun. Es soll nur veranschaulichen, woran sich wahrscheinlich diejenigen orientieren, die bei ihrer Arbeitmöglichst "irritationsfrei" rüberkommen wollen. Die Brüche werden sich bei den meisten T* dann allerdings schon von selber einstellen. Am leichtesten beeinflussen läßt sich hier allerdings noch der Bereich des äußeren Erscheinungsbilds wie Kleidung, Frisur, Körperpflege usw und natürlich auch Gestik, Bewegungen und Benehmen. Mit der Stimme wird es meist für viele schon bisserl schwieriger. Aber auch das ist in den meisten Fällen noch machbar.


Re: Genderqueer am Arbeitsplatz

Reply #69

@Triona
Ja, natürlich meinte ich das Firmenoutfit. ;)

...und "Carglass-Seitenbacher-Effekt" nur wegen der nervtötenden Radio-Werbung, die aber dennoch dafür sorgt, dass man es im Kopf hat und es teilweise sogar kauft.

Quote from: Julia Svea

Würde ich deutlich enger fassen. In manchen Branchen (z.B. Bank) steht das fachliche nicht mehr zur Debatte wenn die Konventionen nicht eingehalten sind - egal welche Hierarchiestufe.

Auch hier hängt es davon ab, wie gut Du Dich verkaufst, wie stimmig Dein Gesamtbild trotz des Bruches ist und wo und in welchem Bereich Du in der Branche arbeitest - und das Totschlagargument "aber in Branche xy muss man sich so und so kleiden" haben wir schon an anderer Stelle weiter untern hier gehabt.

Quote from: Julia Svea
Innerhalb der Geschlechter, ja, übergreifend greift dann wieder die Konvention deines Gegenübers, ob er dich dann noch ernst nimmt.

Du tust gerade so als müsste das ganze clownesk wirken.

Muss es überhaupt nicht. Zieht ein Banker eine Jeans an, kann er wieder nach Hause gehen und sich umziehen. Bei einer internationalen deutschen Bank bis in die Führungsetage hin, inklusive Personalgespräch.


Als würde "Mischen der Geschlechter" immer mit einem lächerlichen oder unseriösem Auftreten einhergehen. Was ich so nicht unterschreiben würde.

Wenn ich auf der Arbeit statt im Hemd auf einmal in körperbetonter Bluse gekommen wäre, hätte das sicher Nachfragen gegeben. Optisch macht das wie du weißt durchaus was her bei mir, aber passend wäre das halt nicht. Modisch weiblich hängt bei mir dabei immer mit körperbetont zusammen - bei Frauen erwünscht, bei Männern nicht.


Ich denke mit dem richtigen Verständnis für Stil und der eigenen Figur kann man modisch/optisch ³durchaus den Vorwurf des Clowns abwerfen. Bleibt vielleicht noch der Vorwurf des Sonderlings. Aber das muss nicht schlimm sein, soweit die Leute Dir Deine Kompetenz weiter zusprechen.

Da schreibst du die Einschränkung dann ja selbst, soweit sie das dann noch machen. Oder du verlierst mit deiner Kleidungswahl direkt jegliche Kompetenz bei deinem Gegenüber.


Quote from: Julia Svea
Und genau das möchte ich nicht, da ich denke, dass es das eigene Leben nur schwerer macht.

Macht es das? Warum? Inwiefern?

*imaltenBeitragwühlworaufsichdasbezog*
Irritationen führen mMn bei der Mehrzahl der Leute zur Zurückhaltung - und nicht zur Neugier. Das Gegenüber hält sich zurück, zieht sich zurück, bleibt auf Distanz um keinen Fehler zu machen, was ja bereits bei der Anrede passieren könnte (auch wenn man selbst beim ersten Mal darüber hinwegsehen kann). Noch allen die ich korrigiert habe im öffentlichen Leben war es furchtbar peinlich und ich musste sie erstmal von der last des Fehlers befreien.


Quote

Ich möchte keine Irritationen männlich/weiblich provozieren. Damit würde ich mir mein Leben nur selbst schwer machen, da ich es nicht "genießen" kann. Mein Ziel - und das klappt zum Glück ziemlich gut - ist es einfach normal zu leben, im Alltag nicht aufzufallen. Manche(r) wird es merken, weil sie aufmerksamer als andere durchs Leben gehen, aber die meisten nicht und dann muss ich nicht durch Kleidung oder Verhalten extra darauf aufmerksam machen.

Aber genau das kann ich - mein Leben genießen. Ich lebe weitreichend "normal". Gerade weil ich die Andersartigkeit für mich soweit zur "Normalität" kultiviert habe, dass sie dadurch gar nicht so stark ins Gewicht fällt - und weil ich mich nicht daran störe zu irritieren. Das macht auf gewisse Art ohnehin jede_r.

Genau darin unterscheiden wir uns. Du genießt das eher, wenn du in der Bahn jemanden irritierst - ich nicht. Du sprichst die Person dann aber auch eher an und erklärst es, ich nicht.


Quote from: Julia Svea

Also ich bleibe lieber nicht in Erinnerung als (auch für mich selbst) negativ aufgefallen zu sein.

Wer sagt, dass Du für Dich negativ aufgefallen bist? Du gehst wieder von Dir aus. Du kannst nicht beeinflussen ob Du bei Fremden positiv oder negativ in Erinnerung bleibst. Das sagtest Du selber. Was Du aber tun kannst, ist Du selbst zu sein. Womit Du für Dich selbst nur sehr schwierig negativ auffallen kannst. Wie andere das aufnehmen und bewerten, liegt nicht in Deiner Hand. Also mach Dir auch nicht zwingend den Kopf darüber. Solange der Großteil der Rezeption positiv ist und vor allen Dingen solange Du Dich wohlfühlst in Deiner Haut, ist alles im grünen Bereich.

Ich arbeite dran und 2015 soll da viel passieren bei mir *evilgrin*

Re: Genderqueer am Arbeitsplatz

Reply #70
Ich verstehe irgendwie die Verbissenheit nicht, mit der hier an einigen Stellen bald jeder zweite Satz gegenseitig zerpflückt wird. Muß hier um irgendwas gekämpft werden,  oder muß irgendwas verteidigt werden?

Die eine ist halt anscheinend so, die andere so. Ich erkenne hier nichts, was nicht nebeneinander bestehen könnte. Muß doch jede selber wissen bzw für sich herausfinden, wie sie am Besten ihr Leben meistert. Und dies wird auch einen Einfluß auf die Kleidungswahl haben.

Und wer sagte überhaupt, daß es hier um das Irritieren durch Vermischen von Kleidung geht?  (Und damit meine jetzt nicht Beispiele wie Bart und Kleid gleichzeitig o.ä., wie z.B. im Ausgangsbeitrag - näheres im nächsten Absatz.) Jede und jeder wird sich auf Arbeit sowieso so anziehen, wie das dort allgemein üblich ist. Wo es ja schon große Unterschiede von Arbeitsplatz zu Arbeitsplatz gibt. Und wenn dies mit den jeweiligen "Kleiderordnungen" zu vereinbaren ist, dann wird wohl auch Kleidung gewählt, wo man sich drin wohlfühlen kann. Ansonsten wird man sich eben dem 8 oder 10 Std lang unterordnen. Und ich kenne viele, die ihre "Berufsbekleidung"  nach Feierabend schnellstmöglich an den Bügel hängen - und am Besten gleich den BH in die Ecke pfeffern - und am Abend was ganz anderes anziehen. Soldaten gehen doch auch nicht nach Dienstschluß mit dem Stahlhelm in die Disko oder auf den Fußballplatz.

Ich denke, daß mit dem Erzeugen von Irritationen durch nicht ganz eindeutige Geschlechtssignale nicht Extreme wie Bart + Kleid gemeint sein können. Das machen sowieso nur sehr wenige - und dann meistens auch nicht im Beruf. Und wer es dennoch tut, wird wahrscheinlich wissen, was das für Folgen haben kann und in vielen Arbeitsstellen auch sicher haben wird. Das gilt aber auch für alle Nicht-T*-Menschen.

Die Alltagsprobleme hierbei ergeben sich für die meisten T* doch durch viel "kleinere" Sachen, die sie nicht absichtlich selber herbeiführen, und die sie teilweise auch nur bedingt ändern können oder zumindest nicht von einem Tag auf den anderen, wie z.B. Stimme, starker Bartschatten, breite Schultern, riesige Hände usw. oder eben große Brüste, breiter Hintern usw bei TM. Und je mehr derartiger Körpermerkmale jemand hat, desto schwieriger wird es meistens.


Mir scheint, es geht hier um etwas ganz anderes als um unangepaßte Kleidung oder bewußte Provokationen.
Worum genau habe ich aber noch nicht ganz herausgefunden.
Wenn ich richtig verstanden habe, meint Andrea wohl, daß sie mit den körperlich gegebenen und nur bedingt veränderbaren Passungsmängeln leben kann und diese auch versucht, zu ihem Vorteil zu nutzen oder so. Während es mir scheint, daß Julia Svea irgendwie Angst hat, daß sie von ihren Mitmenschen mit solchen möglichen Irritationen mehr Steine in ihren Weg gelegt bekommt, als sie ertragen kann oder so ähnlich. Woraus eben auch folgen kann, daß man sich an manche Anforderungen des Umfelds eher überanpaßt als auch zu wenig.

Falls ich da die eine oder andere vlt nicht oder falsch verstanden habe, möge sie es richtig stellen.

:o Jetzt ist doch aus den kurzen Fragen der beiden ersten Abschnittchen doch wieder ein riesenlanger Aufsatz geworden, der hoffentlich nicht allzu sehr im Nebel herumgestochert hat.


liebe grüße
triona


Re: Genderqueer am Arbeitsplatz

Reply #71

Während es mir scheint, daß Julia Svea irgendwie Angst hat, daß sie von ihren Mitmenschen mit solchen möglichen Irritationen mehr Steine in ihren Weg gelegt bekommt, als sie ertragen kann oder so ähnlich.

Ertragen ist übertrieben - ich kann schon viel hinnehmen wenn es sein muss ;). Mehr Steine in den Weg gelegt bekommen und Probleme schaffen als nötig trifft es für mich eher.

Re: Genderqueer am Arbeitsplatz

Reply #72
Ich finde, dass Genderqueer und Transsexuell doch stark unterschiedlich wahrgenommen werden. Wer Transsexuelle am Arbeitsplatz akzeptiert, wird wohl über körperliche Defizite hinwegsehen, das "ist halt so". Absichtlich die Kleidung beider Geschlechter zu tragen an einem Arbeitsplatz, wo geschlechtsbetonte Kleidung üblich ist, wird meiner Meinung nach in den meisten Umfeldern schnell als Provokation gewertet. Der typische Bürojob oder gar Außendienst bei Kunden hat eben selten was mit kreativer Darstellung der eigenen Person zu tun.