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Topic: So 'ne Idee: Prognose des HRT-Ergebnisses und "Reassignment of the past" :) (Read 2832 times) previous topic - next topic

So 'ne Idee: Prognose des HRT-Ergebnisses und "Reassignment of the past" :)

Ich hatte gerade so eine Idee, die mich jetzt nicht mehr loslässt: Was wäre, wenn Transsexuelle schon vor der Transition sehen könnten, wie sie am Ende der Hormontherapie vermutlich aussehen würden? Und wie sie dann später mit 80 im Wunschgeschlecht aussehen werden? Und wie sie in der Jugend ausgesehen hätten, wenn sie dann schon im Wunschgeschlecht gewesen wären?

Nun, all das könnte vielleicht machbar sein. Ich habe mich eben an eine Forschungsarbeit erinnert, die ich vor vielen Jahren mal gesehen hatte. Dabei wird auf Basis eines einzelnen Fotos (besser noch, mehrere) eine sehr detaillierte 3d-Rekonstruktion des Gesichts angefertigt, und mit ein paar wenigen Stellreglern kann man dann diverse Eigenschaften ändern: Molligkeit, Gesichtsausdruck, Geschlecht. Ja, richtig, mit einem Mausklick sieht man, wie man im anderen Geschlecht aussehen würde. Schaut euch dazu mal dieses Video an, oder (falls ihr mathematisch, informatisch und computergraphisch interessiert sein, lest dieses Paper).

Soweit ich weiß, wurde diese Technologie zwar erforscht, aber bisher nicht kommerziell oder sonst wie praktisch angewandt. Ich denke, es ergeben sich daraus zwei sehr interessante Möglichkeiten für Transsexuelle, die ich jetzt mal als "kommerziellen Use Case" ausgeschmückt formuliere (und dabei aus Bequemlichkeit auf das Durchgendern von "Kunde" verzichte):

1. "Optische Prognose"
Der Kunde schickt einige geeignete Fotos von sich (etwa 3 bis 10) ein, wahlweise digital oder per Post. Auf den Fotos ist der Kunde im Geburtsgeschlecht zu sehen, im Idealfall groß und scharf abgebildet, bei guter Beleuchtung, rasiert und ungeschminkt, ohne dass das Gesicht verdeckt ist. Der Anbieter gibt diese Fotos in die Spezialsoftware ein, und führt einige manuelle Optimierungen durch. Im einfachsten (und günstigsten) Fall erhält der Kunde dann ein Prognosebild, das zeigt, wie er nach einigen Jahren Hormontherapie höchstwahrscheinlich aussehen wird - Alterung mit einberechnet. Wer es genauer wissen möchte, erhält eine ganze Bilderserie, die etwa zeigt, wie er nach X Monaten Hormontherapie aussehen würde, auch abhängig davon wie stark die Hormone wirken, wie sich das Aussehen über die nächsten Jahrzehnte altersbedingt ändern könnte, wie es sich auswirken würde wenn er im Rahmen der Transition ein paar Kilo ab- oder zunehmen würde, etc. Neben der "Hormon-Prognose" könnte auch noch das zu erwartende Ergebnis von FFS-Operationen visualisiert werden, Make-up digital aufgetragen werden, verschiedene Frisuren und Haarfarben probiert werden, usw.

2. "Deep Stealth Reassignment of the Past"
Wer erfolgreich und überzeugend im Wunschgeschlecht angekommen ist, und seine transsexuelle Vergangenheit geheim halten möchte, hat praktisch keine Vergangenheit mehr. Fotos von damals zeigen einen im falschen Geschlecht, und auch wenn ein Anrecht auf Änderung diverser Urkunden usw. besteht, so bleiben doch Erinnerungsstücke von damals "unpassend". Basierend auf der oben genannten Technologie ermittelt der Anbieter, wie der Kunde in der Vergangenheit ausgesehen hätte, wenn er immer schon im Wunschgeschlecht gelebt hätte. Der Kunde sendet beliebig viele alte Fotos ein, die dann nachträglich an das Wunschgeschlecht angepasst werden. Neben der halbautomatischen Anpassung des Gesichts werden auch weitere Details bestmöglich angeglichen, etwa Körperstatur und, falls möglich, Kleidung. Ein Team von professionellen Fotokünstlern sorgt dafür, dass die Ergebnisse absolut authentisch aussehen, was z.B. Struktur, Farbigkeit, Vergilbung, etc. von alten Fotos angeht. Auf Wunsch werden auch Videos, Schulabschlussbücher, nicht-amtliche Schriftstücke, etc. nachgebessert.

Und wer 1. und 2. nutzt, bekommt 20% Rabatt  ;D


Was die technische Seite und die reale Aussagekraft solcher Prognosen angeht, so liegt natürlich auf der Hand, dass der bisher erforschte "männlich-weiblich-Regler" auf rein statistischer Auswertung vieler männlicher und weiblicher Gesichter basiert, und somit noch nicht spezifisch nachbildet, wie sich ein Gesicht wirklich durch Hormontherapie verändert. Allerdings sind die Algorithmen trainierbar, mittels der Eingabe einiger echter Vorher-Nachher-Bilder könnte man die Technik also optimieren.

Falls es möglich ist, solche Prognosen realistisch und zuverlässig zu machen, wäre das sicher mehr als ein bloßer Spaß für die "Kunden", sondern eine ersthafte Hilfe: So könnte man vielleicht verhindern, dass jemand mit zu hohen Erwartungen in die HRT geht und hinterher total enttäuscht ist, oder zu niedrige Erwartungen hat und daher die Transition nicht macht weil er denkt "das Ergebnis wird ja eh nicht befriedigend". Wenn sich so ein Verfahren erstmal eingebürgert hätte, würde eine einfache Prognose sicher auch Bestandteil der üblichen Behandlung und dann vielleicht sogar in dem Rahmen durch die üblichen Kostenträger übernommen. Vielleicht würde es sogar zum normalen Bestandteil der medizinischen Beratungsgespräche vor der Behandlung.

Ok, soweit die Idee. Jetzt wird sich sicherlich wieder jemand finden, der den bloßen Gedanken kritisiert "mit der Bedürftigkeit anderer Geld zu machen", aber na ja, sehen wir es mal realistisch, Innovation fällt ja nicht vom Himmel und ich hab ja auch nirgendwo geschrieben, dass solch ein Service 60000 Euro kosten sollte. Von dem aktuellen technischen Stand bis hin zur wirklichen Nutzbarkeit ist sicher noch viel zu tun, und weder ich noch sonst jemand würde da mehrere Monate lang Zeit und Geld reinstecken, wenn am Ende nicht wieder irgendwas rausspringen würde. Daher frage ich mich, wie solche Services wohl ankommen würde, wie viele Transsexuelle das eine oder andere in Anspruch nehmen würden und welche Zahlungsbereitschaft wohl vorhanden wäre. Was meint ihr? Oder gibt es solche Dienste vielleicht sogar schon, aber sie sind so unbekannt, dass ich dazu nichts finden konnte?

Visionäre Grüße,
Lena :)

PS: klar ist natürlich, dass dieser "Service" ziemlich unverantwortlich wäre, falls er aus technischen oder biologischen Gründen total unzuverlässig und unrealistisch wäre. Aber das kann man ja auch vorher ausprobieren. Klar ist außerdem, dass man die Transition nicht nur durchführt, um danach schön auszusehen, und dass man die Entscheidung nicht nur danach trifft, ob man das mal erreichen wird.

Re: So 'ne Idee: Prognose des HRT-Ergebnisses und "Reassignment of the past" :)

Reply #1
Quote
würde eine einfache Prognose sicher auch Bestandteil der üblichen Behandlung und dann vielleicht sogar in dem Rahmen durch die üblichen Kostenträger übernommen. Vielleicht würde es sogar zum normalen Bestandteil der medizinischen Beratungsgespräche vor der Behandlung.


Das stört mich, und zwar ernstlich - einfach, weil es dazu führen würde, dass Menschen mit vermeintlich ungünstiger Prognose ausgegrenzt würden. Und wenn sie den Weg dann doch gehen müssen, um leben zu können?
Die Lebbarkeit hängt letztlich von der inneren Einstellung und von unabhängigen Faktoren ab und nicht von  Gesichtszügen, die im Notfall ja ohnehin recht weitgehend manipulierbar sind. Ansonsten sollte man sich fragen, ob den Krankenkassen wirklich alles und jedes aufgebürdet werden sollte.

Wie vor allem die Teilzeitfrauen unter uns wissen, kann man mit geschickt angewandtem Makeup und mit einer gut ausgewählten Frisur vieles erreichen, was derartige Modelle (bis jetzt noch) nicht visualisieren können.

Mein Fazit: als Option für die, die sich unsicher sind und Klarheit haben möchten - oder aber auch einen Strohhlam, der sie ermutigt, oder aber eine "Instanz", woran sie für sich selbst eine Entscheidung gegen eine Transition festmachen können, könnte das interessant sein. Aber auch nur dafür.

Re: So 'ne Idee: Prognose des HRT-Ergebnisses und "Reassignment of the past" :)

Reply #2
Hallo Lena,

es gibt sicherlich ein paar Transsexuelle, die an einer Prognose interessiert sind. Die andere Option (Deep Stealth Erinnerungsstücke) halte ich persönlich für Unsinn. Wer seine Erinnerungsfotos digital manipulieren will, kann auch gleich Fantasie-Gesichter nach eigenem Geschmack erzeugen. Programme für das sogenannte "Morphing" von Gesichtern gibt es ja bereits zu Hauf.

Kommerziell vermute ich aber, dass Transgender mit Abstand nicht reichen, um so ein Projekt auch nur annähernd zu finanzieren. Deshalb würde ich dir empfehlen, sowas als Spaß und Gaudi für eine größere Zielgruppe zu vermarkten. Übrigens hat die Polizei schon derartige Programme in Gebrauch, sie sind nur viel zu teuer für Privatkunden. Sie werden zum Beispiel verwendet, wenn von gesuchten Personen nur alte (zum Beispiel Kinder-) Fotos vorhanden sind.

Als Dienst würde ich es nicht aufziehen, sondern als lokal installierbares Programm. Nur wenige sind bereit, private Fotos an einen Dienstleister im Internet herzugeben.

Viel Erfolg,
Michi

Re: So 'ne Idee: Prognose des HRT-Ergebnisses und "Reassignment of the past" :)

Reply #3
Wenn man sich etwas in Photoshop einarbeitet kann man das auch selbst machen.

Allerdings kann man ja nie wissen was dann tatsächlich passiert, es sei denn die Person ist noch sehr jung...

Re: So 'ne Idee: Prognose des HRT-Ergebnisses und "Reassignment of the past" :)

Reply #4
Gibt's bereits für das Gesicht anhand eines Fotos und kostenlos bei Face Transformers. Da kann man sich berechnen lassen, wie man -  ohne Zeitverzögerung - im anderen Geschlecht aussähe. Allerdings entspricht das wohl eher dem Zustand mit FFS, da das Programm gerade an Punkten wie Kinn und Augenbrauen rumspielt. Also leider nicht sooo geeignet, um das Potenzial einer HRT abzuschätzen.
Älter und jünger machen kann man sich damit auch. Ggf. dann das geschlechtsangepasste Bild für den Altersnachweis noch mal durchjagen. Lustigerweise sind die Klamotten dann auf allen Bildern gleich. ;D

Bei mir kamen mit dem Programm ganz gute Ergebnisse raus. Allerding erst beim 3. neutralen Ausgangsfoto. Auf meinen Kinderfotos hätte ich dann so ausgesehen wie mein Vater seinerzeit. :D

Ich wäre dafür, dass in das von LenaMaria vorgeschlagene Programm beim Altern/Verjüngen noch die Verwandschaftskomponente eingebaut wird. So etwas gibt es ja bereits bei der Polizei für die Suche nach Langzeitvermissten, vor allem bei Kindern/Jugendlichen.