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Das achte Feld

...den text finde ich nicht so uninteressant. könnte ein interessantes Buch sein.


Schachmatt für die ‚normale’ Welt auf dem Spielfeld der Sexualität
© Die Berliner Literaturkritik, 08.09.06

OSTFILDERN (BLK) – Sexualität erschöpfe sich nicht in Familienpolitik und Fernsehserie. Sexualität sei immer auch Beben und Verwandlung, Begehren und Macht, Verführung und Trauer, Glanz und Elend, so der Hatje Cantz Verlag zu seiner Neuerscheinung „Das achte Feld“, herausgegeben von Frank Wagner.

Rücke der Bauer im Schachspiel auf das achte Feld, an den Rand des Spielfelds, so könne ihn der Spieler gegen eine Figur seiner Wahl tauschen. Der Bauer könne sich also in eine Dame verwandeln, die machtlose Figur in eine mächtige, der Mann in eine Frau, erklärt der Verlag den Titel. In Anlehnung an diese Regel des Schachspiels beschäftige sich das Werk unter anderem mit der ‚normalen Welt’ und wie diese für weibliche Männer und männliche Frauen aussehe. Von Variété oder Pornografie abgesehen, lasse sich nur in der Kunst die ganze Faszination des Themas erfahren, behauptet der Verlag. Die Kunst lasse nicht nur das gefahrlose Spiel mit den Geschlechtern und den verbotenen Wünschen zu, sie allein erfasse ihre Widersprüchlichkeit, wird erläutert.

Eine Auswahl der über 80 vorgestellten internationalen Künstler: Diane Arbus, Nicole Eisenman, Robert Gober, David Hockney, Peter Hujar, Ferdinand Kriwet, Zoe Leonard, Robert Mapplethorpe, Michaela Melián, Annette Messager, Piotr Nathan, Catherine Opie, Dayanita Singh, Paul Thek, Wolfgang Tillmans, David Wojnarowicz. (jac/cla)



Leseprobe

© Hatje Cantz Verlag

Feministinnen klagen zwar öffentlich darüber, dass die Transsex-Bewegung die geschlechtliche Differenz zu ersetzen oder für sich zu beanspruchen versuche, doch sie vergessen, dass die gemeinsamen Werte zu einer notwendigen Begegnung der Transsex und der feministischen Bewegung führen. Wenn wir Geschlecht, wie es geboten ist, als historische Kategorie nehmen, dann bleibt es unsere analytische Aufgabe, unser Denken ständig zu revidieren, um verstehen zu können, wie Geschlecht funktioniert.

Transsexuelle sind immer in Gefahr, diskriminiert zu werden, ihren Arbeitsplatz zu verlieren, zur Zielscheibe von Gewalt und öffentlichen Belästigungen zu werden. Geschlecht als historische Kategorie zu verstehen, heißt aber zu akzeptieren, dass das Geschlecht (gender) als eine Möglichkeit, einen Körper kulturell zu konfigurieren, ständig neu geschaffen werden kann und dass „Anatomie“ und „Geschlecht“ (sex) nicht ohne kulturellen Rahmen gedacht werden können (wie die Intersex-Bewegung klar erwiesen hat). Dass Weiblichkeit weiblichen Körpern attestiert wird, als ob es sich um eine natürliche oder notwendige Eigenschaft handelte, geschieht innerhalb eines normativen Denkrahmens, in dem die Zuordnung von Weiblichkeit (femininity) zum Frausein (femaleness) ein Mechanismus unter mehreren für die Produktion von Geschlecht ist.

Der Inhalt von Begriffen wie „männlich“ und „weiblich“ ist bekanntlich veränderbar; beide Begriffe haben ihre Sozialgeschichte; ihre Bedeutungen wandeln sich radikal in Abhängigkeit von geopolitischen Grenzen und kulturellen Beschränkungen darauf, wer sich von wem und zu welchem Zweck eine Vorstellung macht. Die Begriffe der Geschlechtsbezeichnung sind daher nicht ein für alle Mal festgelegt, sondern befinden sich ständig im Prozess des Neubestimmung. Diese Neubestimmung sowohl des Geschlechts als auch der Organisation der Sexualität ist das, was in den Augenblicken der Krise und Disjunktion geschieht, die gegenwärtig das Gebiet der Sexualpolitik bestimmt.

Welche Zukunft sie haben wird, hängt daher von unserer Fähigkeit ab, diese Spannungen auszuhalten und mit ihnen umzugehen, anstatt durch dogmatische Standpunkte oder einfache Lösungen auszuschließen, dass sie sich manifestieren. Dies ist also der allgemeine Rahmen, in dem ich im vorliegenden Aufsatz Fragen zur cross-gendered identification, zur geschlechtlichen Identifikation mit dem anderen Geschlecht, stellen und vom politischen Set von Normen, so umkämpft diese sein mögen, zum psychoanalytischen Verständnis des Phänomens übergehen möchte, um mich schließlich wieder der Politik zuzuwenden. Ich glaube, dass eine gewisse Pathologisierung der cross-gendered identification durch jene psychologischen Theorien verstärkt wird, die einen normativen Begriff kohärenten Geschlechts aufstellen. So haben etwa Psychoanalytiker behauptet, intensive homosexuelle Bindungen unter Jungen seien ein Zeichen dafür, dass die Jungen die Mutter ablehnten. Dies wird dann als Bruch in der Beziehungsfähigkeit (relationality) selbst verstanden. Dahinter steht die Annahme, dass die Beziehung zur Mutter die primäre sei und dass jeder Bruch in dieser Beziehung einen Bruch in der Beziehungsfähigkeit generell bedeute. Aber wenn wir bedenken, dass Jungen, die gemeinsam phallischen Lüsten frönen, dies in einer Form von Beziehung tun, die sich von all jenen unterscheiden, die sie zu Mädchen oder zur Mutter haben könnten, dann besteht kein Grund zu der Schlussfolgerung, dass dieser Schritt hin zur Homosexualität eine Ablehnung der Mutter darstelle. Dass zu solch phallischem Spiel, insbesondere bei kleinen Jungen, nicht notwendig Mädchen und Frauen gehören – obwohl sie dazu gehören können –, heißt nicht, dass es dabei zentral um die Ablehnung von Mädchen oder Frauen ginge. Es ist eine Sache, sich sexuell zu befriedigen, ohne dabei an ein bestimmtes Geschlecht zu denken, und eine andere, die eigene Lust auf eine Ausschließung zu gründen, die durch Aggressionen gegen oder gar Hass auf das andere Geschlecht motiviert ist. Wenn wir die Beziehung zur Mutter als die primäre ansehen, kann das dazu führen, dass wir das Spiel von Jungen und seine Beziehung auf das Mütterliche in einer Art und Weise erklären, die den tatsächlichen Charakter dieses Verhältnisses verfehlt.

Ich möchte daher die Frage aufwerfen, ob von cross-gendered identification Ähnliches gesagt werden kann, ob es voreilig ist anzunehmen, dass sie aus einer Ablehnung hervorgehe, und ob Jungen, die sich als Mädchen, oder Mädchen, die sich als Jungen fühlen, etwas anderes tun, als ihre libidinöse Energie in die Verwerfung einer bestimmten Einstellung zu investieren, nämlich der, die jene geschlechtliche Ausrichtung übernehmen würde, nach der Mädchen sich (zu Recht) als Mädchen und Jungen sich (zu Recht) als Jungen fühlen. Lässt sich cross-gendered identification als das verstehen, was der Psychoanalytiker Ken Corbett ein „phantasmatisches Werben um Beziehung“ nennt? Tatsächlich schienen bei einem Poetry Slam, („Poetry Slam“ ist eine Präsentationsform für Literatur, bei der Autoren mit selbst geschriebenen Texten an einem öffentlich zugänglichen Ort zu einem Wettkampf gegeneinander antreten (Anm. d. Übers.)) den ich vor kurzem in San Francisco besuchte, die verbissenen, teilweise grimmigen Gedichte und Auftritte mehrerer Transen (transgendered people) von dem Begehren getragen, mit einem anderen Namen bezeichnet zu werden, gemäß bestimmten Begriffen verstanden zu werden – und beides, die Bezeichnung und die Anerkennung, unerbittlich, klar, unzweideutig, und so öffentlich wie möglich.

Diese queeren Personen machten sich einen Spaß aus ihrem Unvermögen, bestimmten Kategorien gerecht zu werden. Man darf aber nicht übersehen, dass viele Transsexuelle entschieden etwa für ein binäres Geschlechtssystem und für ihr Recht und ihr Bedürfnis eintraten, in dieses System hineinzupassen. So brachte eine Transsexuelle in ihrem Gedicht immer wieder ihre Wut auf das Michigan Womens’ Music Festival, auf verschiedene diagnostische Begriffe der Psychiatrie, auf den Feminismus zum Ausdruck, und nachdem sie zu all diesen Institutionen wörtlich „fuck you“ gesagt hatte, fügte sie hinzu „fuck you, Judith Butler“ – ich habe diesen Augenblick bemerkenswert gut überstanden.

In einer sich anschließenden E-Mail-Korrespondenz mit dieser Frau begriff ich, dass die Subversion von geschlechtlicher Stabilität ihrem Bedürfnis nach etwas Festem und nach Bezeichnungen, die unzweideutig für das Geschlecht stehen, auf das sie sich beziehen, zuwiderlief. Das „fuck you“ ist grob, aber wir würden es uns wohl zu einfach machen, wenn wir nicht erkennten, dass es ein „you“ gibt, an das diese grimmige Grobheit sich richtet, dass es selbst hier ein Werben um Beziehung gibt, ein Sichaussprechen und ein Ansprechen. Ich bin immer noch entsetzt über dieses „fuck you“ als einen Ausdruck, der jemanden verletzen soll, weil ich meine, dass Ficken etwas ist, das wir aufgrund anderer Gefühle tun.

© Hatje Cantz Verlag

Literaturangaben:
WAGNER, FRANK (Hrsg.): Das achte Feld. Geschlechter, Leben und Begehren in der Kunst seit 1960. Hatje Cantz Verlag, Ostfildern 2006. 304 S., 39,80 €.

http://www.berlinerliteraturkritik.de/common/counter.cfm?id=5270