Hallo Nicola,
ja, es trifft auch sicher auf mich zu, daß es eigentlich nichts "besonderes" ist.
Und darüber bin ich sehr glücklich.

Als 24/7 fühl ich mich halt spürbar wohler in meiner Haut.
Ich hab ein halbes Jahrhundert gekämpft mit mir und aller Welt.
Bisweilen bis an die Grenzen des Erträglichen.
Ein stetiges Irren + Wirren, das sein Ende womöglich noch nicht ganz erreicht hat.
Suchen nach Gründen + Auswegen.
Nach Durchblick + oder auch nur ein bisserl Spaß + Freude an einem Leben, was einem bisweilen anscheinend so manche Menschen nicht gönnen wollen.
Polizeiknüppel + Zellen, Suchtelend + Wahnsinn, Übernachtung im Freien bei 30 grad -, Androhung von Gewalt auf der Straße + Angst vor Prügel als Kind, hirnloses Unverständnis + Verachtung, was auch immer du dir vorstellen kannst, ist mir alles nicht fremd.
Arbeit in Dutzenden von Berufen. Gesundheit zerstört.
Vollschichtbetriebe, Akkord, Hungerlohn, sinnentleertes Studieren für ungeeignete Berufe, Kaufmann oft für weniger als nichts, Schulden + Pfändungen.
Verpaßte Gelegenheiten + versiebte Chancen ohne Ende.
Gefühl, ständig auf der Flucht zu sein, bloß weiß nicht vor was.
Suche von "Wahrheit" in Büchern + Rausch bis zum Abwinken + Vergessen + "Leben" in Musik + Schauspiel + anderen Künsten.
Reisen um die halbe Welt + jahrelang auf der Straße gelebt, mal mehr oder mal weniger. Zu Fuß, mit Eisenbahn, Auto, Flugzeug oder Fahrrad.
Geliebt + geängstigt + gehaßt, manchmal fast verzweifelt.
Auch geliebt worden + beargwöhnt + unverständlichem Haß ins Auge geblickt.
Immer auf der rastlosen Suche nach ein klein bisserl Glück.
Also hier mein erstes mal "draußen".
(abgesehen von paarmal verkleiden als Frau im Karneval vor vielen Jahren + für kleine Rollen auf einer Kabarettbühne)
Ist schon ein paar Jahre her. (Jahr weiß ich nimmer so genau.)
Schon Jahrzehnte das unbestimmte Gefühl, nicht nur zwischen allen Stühlen zu sitzen, sondern auch irgendwo im Niemandsland zwischen den scheinbar so fest umrissenen Geschlechtern.
Immer schon ein bunter Vogel gewesen.
Auf Dienstreise in Stuttgart in einem kleinen Laden mit indischen Waren einen bodenlangen Samtrock in purpur-lila gekauft. (eine meiner Lieblingsfarben)
Abends nach der letzten Montage im Schwäbischen Wald im Nieselregen an einem Bushäusel angehalten + unter dem Schutzdach umgezogen (im Auto wars zu eng).
Den neuen Rock + enges kurzarmiges Samtoberteil in der selben Farbe dazu.
Paar Amethystketten dazu + nen breiten Gürtel + Gürteltasche.
BH und Schminkzeug hatt ich noch nicht.
Lange rote Lockenhaare allemal. (Oder warn die damals noch weiß? Weiß gar nicht mehr, wann ich sie wieder rot gemacht hab, wie früher schon mal.)
Im Auto noch trocken bisserl nachrasiert und gekremt.

Nach Bamberg gefahren zum Essen wo ich früher schon paar mal war.
Gibts da paar nette Lokale.
(Ich komm öfter mal abends an Bamberg vorbei. Nettes Städtchen. Könnt ich mir vorstellen, dort mal zu leben.
Ähnlich wie Regensburg, Passau, Tübingen, Rottweil, Friedrichshafen, Freiburg, Münster oder Bautzen.)Auto am Rand der Innenstadt abgestellt. Weiter zu Fuß.
Kaum paar Meter gelaufen, hält 'n Wagen mit einheimischem Kennzeichen.
Junger Kerl drin.
Kurbelt Fenster runter, fragt mich nach dem Weg zum Bahnhof.
*oops* "Ich bin nicht von hier. Muß irgendwo am anderen Ende der Innenstadt sein.

"
Ich glaub der wollt bloß mal hören, daß ich was sag.
(Scheint son gängiger Trick zu sein von manchen Leuten, die irgendwelche Zweifel ausräumen wollen.
Einmal bin ich umsonst auf 'n Rockkonzert gekommen.
Drei Junge Leute an der Kasse.
- "Hamse ihrn Personalausweis bei?"
- "
"
- "Leute über 50 brauchen keinen Eintritt zu zahlen"
- "Wenns weiter nix is. Damit kann ich dienen
"
Das Ding wird weiter gereicht und zurückgegeben.
"OK"
Glaub nicht, daß das so allgemein üblich ist.
Wollten wahrscheinlich bloß mal sehn, was da fürn Name draufsteht.
)Also ich leicht belustigt weiter.
Nach einmal Innenstadtring rauf und runter Schaufenster gucken und Leute anlächeln festgestellt, daß es mein afrikanisches Lieblinsrestaurant nicht mehr gab zu 'nem netten Italiener, Familienbetrieb + für einigermaßen wenig Geld schönes Essen.
Nach dem Essen steht an der Türe als ich rausging die Oberkellnerin.
Strahlt mich an und sagt:
"Ich wünsche Ihnen viel Glück."

"Danke."

In guter Stimmung noch 'ne Runde Schaufensterbummel durch die Inselstadt.
Alles zu und nicht mehr viel Leute draußen.
Paar Studenten, zu Fuß + mit Fahrrad.
Alle Mädels, aber nur die, grüßen mich freundlich.

Dann weiter auf die Autobahn.
Im letzten Ort vor Aue dann Riesenumleitung in meine Richtung wegen Dauerbaustelle.
Will eigentlich durchfahren und sehn ob ich doch durchkomm.
Kommt aber grad Polizeibulli raus.
Also gradaus auf die Umleitung.
Der immer schön hinter mir her. Stoßstange an Stoßstange.
Ich brav 50 max.
Nach 'n Kilometer ich Spitzkehre wieder zurück Richtung Sperrstrecke.
Der hinter her + mich überholt + Kelle.
Milchgesichtiger Jungpolizeier im oliven Kampfanzug, Bereitschaftspolizei Leipzig, in Begleitung von Jungpolizeierin, ebenfalls Kampfanzug, mit Zopf.
Fenster runter, Papiere.
Ziemlich patzig: "Sehn se denn nicht, daß wir Sie schon dauernd versuchen, Sie anzuhalten?"
- "Nö. Wie soll ich das denn im Finstern sehn, wenn Sie hinter mir herfahrn?"
- "*grrr*

Hamwer denn Sanikasten + Warnbock dabei?"

War natürlich unter dem Fahrersitz.
Tür auf, raus.
Hättste sehn sollen, wie der geglotzt hat, als er mich da in meinem tollen lila Rock sah.

Dreht den Sanikasten 6 x rum bis er das Haltbarkeitsdatum endlich findet.
"Hah, der is abgelaufen. Könnse sich zu Hause in die Schrankwand stellen!"
Verschwinden beide 'ne Zeitlang in ihrem Wagen. (Warnbock wollt er gar nicht mehr sehen.)
Nach paar Minuten kommt die Kollegin alleine wieder mit meinen Papieren.
Ob der mir nicht nochmal zu weit in meine Nähe kommen wollte?

Sie gibt mir die Papiere + eine Mängelkarte.
Ganz lieb: "Damit müssen Sie innerhalb der nächsten 10 Tage bei einer Polizeidienststelle vorsprechen + den neuen Sanikasten vorzeigen. Das werden Sie doch schaffen? Gute Weiterfahrt."
Da die in meine Richtung weiterfuhren mußt ich dann doch die 5 km Umleitung fahren.

Als ich dann paar Tage später auf dem Polizeirevier mit dem Sanikasten reinspaziert kam, grinste der Diensthabende gleich über alle 4 Backen.
- "Tja, die lieben Kollegen in den Kampfanzügen ham halt des Nachts um 2 nix besseres zu tun, als son Scheiß zu kontrollieren."
- "Ja ja" *kopfschüttel* und stempelte die Karte ab.
Kannte er offenbar schon.

Also, du siehst, alle, die nicht gerade als Frau geboren sind, haben irgendwie mal angefangen.
Auch wenn ich heute im Gegensatz zu damals wie überall hin als Frau mit dem Sanikasten aufs Revier ginge,
auch wenn ich heute glücklich bin, daß es für mich nichts "besonderes" mehr ist,
auch wenn es mir nicht mehr den Atem raubt, weil ich einfach endlich lebe,
so glaub ich doch, daß ich mich sehr gut in deine Freude + dein Hochgefühl über deinen ersten Schritt hineinversetzen kann.
Und vor allem kann ich mich immer darüber freuen, wenn andere Menschen sich freuen können.

Es gibt so viele schlimmen Sachen auf der Welt.
Da muß doch jeder + jede dankbar sein, wenn es auch hin und wieder mal einen Grund für ein klein bisserl Freude gibt.
Und wenn es nur über einen kleinen Schritt ist. So er nur im die richtige Richtung geht.
(Ach ja, der erste Schritt ist ja immer der Größte, egal wie kurz.)
Und was die richtige Richung für dich ist, kannst du nur selber für dich feststellen.
Und ich denke du wirst das.
Der zweite Schritt und jeder weitere wird immer leichter und selbstverständlicher.
Vielleicht hast du ja deinen nächsten Schritt inzwischen schon gemacht?
Wichtig ist jedenfalls, daß du dir die Fähigkeit zur Freude erhalten kannst.
Neulich stand ich in der Frühe an der Kasse bei Aldi.
Die Kassiererin ganz freudestrahlend (deutlich erkennbar nicht das oft eher erzwungene Verkäuferinnen-Grinsen):
- "Oh, Sie haben heute aber gute Laune!

"
- "Ja, sehen Sie, es ist doch immer wieder schön, wenn man sich über irgendwas freuen kann."
- "Oh ja."
Und fing an das Zeug über den Scanner zu ziehen wie immer, aber das Lächeln war nicht wie sonst gleich wieder verflogen.
Und jetzt glaubt es mir oder nicht.
Solches oder ähnliches durfte ich in der letzten Zeit immer öfter erleben.
Dabei wußte ich früher nicht mal so richtig, was gute Laune ist.
Und das haben alle Leute in meiner Umgebung sebstverständlich auch gesehen.
Heute wundere ich mich nicht mehr darüber, daß mich damals kaum jemand leiden mochte.
Hat eben alles seine Zeit.
Und wie eine in den Wald reinruft, so schallt es auch wieder heraus.
Und auch so'n paar blöde Läuse werden dir vlt eines Tages nicht mehr über die Leber laufen können.
Und vertrag ich die Hormone nicht, muß ich halt schaun, ob's welche gibt, die ich besser vertrag.
Irgend ein Weg wird sich schon finden.
Wichtig ist doch, wenn es mal klappt, daß frau nach einem begeisterten Hoch nicht gleich wieder in ein tiefes Loch fällt, wenn mal wieder so ein unvermeidlicher Bremser oder gar Rückschlag kommt.
Ich wünsch dir und allen anderen einen schönes Wochenende.
Und daß ihr alle den nächsten Schritt auf eurem Weg machen könnt und ein kleines bisserl Glüch für euch findet, das ihr auch den Menschen weitergeben könnt, die ihr liebt.
Ich freu mich jedenfalls schon seit Wochen auf heut abend.
Auf das Konzert von Erja Lyytinen.
Das ist eine junge Frau aus Finnland.
Sie ist die musikalische weibliche Wiedergeburt von Rory Gallagher.
Spielt in der Linde in Affalter.
Und Triona geht zum ersten mal im Minirock an diesen Ort.

Ganz liebe Grüße
Triona