TG-Forum
News: you're searchin for an english forum. Please have a look @
http://www.angelsforum.co.uk/phpforum/
 
*
Willkommen Gast. Bitte einloggen oder registrieren. 01. Dezember 2008, 21:53:33


Einloggen mit Benutzername, Passwort und Sitzungslänge


Seiten: [1] 2 3   Nach unten
  Drucken  
Autor Thema: Über mich...  (Gelesen 1873 mal)
Wiebke
Forennutzer/in

Offline Offline

Beiträge: 240


Möchtegern-XX


Profil anzeigen

Ignorieren
« am: 14. September 2008, 23:43:18 »

Hallo Leute,

obwohl ich merke, dass ich hier noch nicht so richtig mitreden kann, weil bisher (fast) alles nur in meinem Kopf stattfindet, möchte ich doch mal ein bisschen von mir erzählen.

Ein paar Sachen wie genaues Alter und Wohnort lasse ich jetzt deswegen weg, weil ich mich dann weniger "identifizierbar" fühle und ich so umso offener über die Dinge reden kann, die wirklich von Bedeutung sind - also bitte nicht böse sein, wenn ich auf entsprechende Frage nicht antworte.

Bis vor Kurzem habe ich immer gedacht, dass ich nicht transsexuell sein kann, weil ich keinen Hass auf meinen männlichen Körper hatte. Weiblich wäre er für mich wohl, naja..., vielleicht "praktischer" gewesen, aber es war kein Drama an sich. Aber "richtige" Transsexuelle fühlen sich ja schließlich "im falschen Körper gefangen", wollen sich mit dem Taschenmesser selbst operieren und dergleichen.

Außerdem würde ich mich innerlich gar nicht mal als Frau definieren, sondern eher als androgyn mit überwiegender weiblicher Seite.

Aber lasst mich die Sache erstmal chronologisch angehen.

Aus meiner Kindheit ist nicht viel Besonderes zu berichten. Ich war ziemlich schüchtern und hatte wenig Freunde (wenn überhaupt - ab wann ist ein Spielkamerad ein "Freund"?). Gespielt habe ich mit Autos und Bausteinen aber auch mit der einen oder anderen Puppe - und ich hatte viele Kuscheltiere. Für meine Eltern war das alles ziemlich belanglos.

Was die anderen Kinder angeht, erinnere ich mich schon daran, dass die Jungen mir meist zu ruppig waren - die Mädchen waren irgendwie netter.

In die Kategorie gehört auch das einzige "transsexuelle" Erlebnis aus meiner Grundschulzeit, an das ich mich erinnere: Ich ging einsam - wie meist - auf dem Pausenhof herum und kam an einer Gruppe von Mädchen vorbei, und plötzlich fragt mich eine von denen: "Machst du mit, den blöden Jungs Beinchen stellen?" Ich hab mich nicht getraut und bin irgendwas Unverständliches murmelnd weitergegangen. Aber innerlich war es unheimlich schön zu wissen, dass dieses Mädchen mich also nicht zu den "blöden Jungs" zählte (gab es eigentlich andere als blöde?). Außerdem hätte ich so gerne zu der Mädchengruppe gehört, der Gedanke war wunderschön, aber ich sagte mir, dass ich ja doch höchstens der "Verräter von der anderen Seite" sein konnte, und das war dann wieder gar nicht schön.

Auf dem Gymnasium wurde es dann ganz ekelhaft, weil ich mich mit den meisten Jungen überhaupt nicht verstand und zu den Mädchen durch die Pubertät jetzt ein größerer Graben entstand. Die meisten Mädchen haben mich zwar zumindest noch wie einen normalen Menschen behandelt, aber als Junge interessant für die war ich nie (weil ich eigentlich auch keiner war?). Damit saß ich so richtig schön zwischen allen Stühlen.

Den Wehrdienst habe ich verweigert. Was ich da als Begründung geschrieben habe, war zwar alles ehrlich, aber wenn ich Rückschau halte, wird mir klar, dass ich an diesem militärisch-virilen Verein wohl endgültig zugrunde gegangen wäre, das hätte ich nicht ertragen. Dafür war ich dann im Altenheim, wo ich fast ausschließlich mit Frauen gearbeitet habe, und das war OK für mich.

Auf der Uni habe ich meine jetzige Frau kennen gelernt (jeder Topf findet seinen Deckel...), aber im Übrigen blieb das Schema meiner Jugend erhalten: gutes Verhältnis zu Frauen, aber etwas vorsichtig-distanziert; kaum einen richtigen Draht zu Männern. Nur dass es unter Erwachsenen eben meistens etwas zivilisierter zugeht, macht das Leben dann doch erträglicher.

So zog sich mein bisheriges Leben dann dahin, wohl die meiste Zeit mit einer latenten Depression (typischer Gedanke sonntags morgens im Bett: "Die Welt ist sowas von beschissen!") und emotional sehr einsam.

Ich habe eigentlich immer einen echten Unterschied zwischen Männern und Frauen geleugnet (bis auf ein paar anatomische Details natürlich), und an dem Gedanken habe ich mich festgehalten. Für mich war das auch ein bisschen eine gesellschaftliche Utopie, zu der ich beitragen wollte, aber genau diese Utopie scheint mir seit ein paar Monaten abhanden gekommen zu sein.

Irgendwann habe ich dann mal versucht, mir mein Leben als Frau vorzustellen. (Rein äußerlich stellt euch bitte etwas klischeehaft eine leicht androgyn angehauchte Lesbe vor, allerdings nicht angehaucht genug, damit man sie mit einem Mann verwechseln könnte. Schulterlange Haare, eins achtzig groß, und das wäre dann ich.) Seitdem ist das der reinste Schneeballeffekt, ich gehe abends mit dem Gedanken schlafen und stehe morgens damit auf. Ich hab seit mindestens zwei Monaten nicht mehr im Stehen gepinkelt, und den Frauen ihre Hüftbewegung abzukucken wird geradezu zur Sucht. Das Merkwürdigste ist, dass meine Libido stark abgenommen hat, obwohl das alles doch nur im Kopf ist.

Ich glaube, was ich nicht ertrage ist das Bild, das andere von mir haben, sobald sie mich in die Kategorie "Mann" einordnen. Auf einer einsamen Insel könnte ich als Mann leben, aber in Gesellschaft halte ich das nicht mehr lange durch, scheint mir.

Die jetzige Situation ist, dass ich mit meiner Hausärztin gesprochen habe und die mir eine Psychologin empfohlen hat, bei der ich allerdings erst gegen Ende Oktober einen Termin bekommen habe. Es handelt sich nicht um eine Spezialistin, aber ich muss ohnehin erstmal wieder ein bisschen Fuß fassen; danach kann sie mich ja vielleicht weiterverweisen.

Was meine Ehe angeht ist meine Frau hoffnungslos heterosexuell und würde mich als Frau sicher nicht ertragen. Meine Eltern wohnen ein paar hundert Kilometer weit weg und Freunde... siehe oben. Das wird verflucht einsam!

Deswegen wäre es nett, wenn ihr vielleicht ein paar Gedanken hättet, die mir möglicherweise helfen können, mir darüber klar zu werden, was mit mir los ist.

Ich denke auch, dass ich hier bin, weil ich möchte, dass endlich mal ein paar Leute "sie" statt "er" sagen, wenn sie von mir reden. Also bitte zieht über mich her, wenn's sein muss, nennt mich "Schlampe" oder "dumme Gans", wenn ihr wollt, ich kann's vertragen - nur nicht "er" sagen, bitte.

Wiebke

Gespeichert
Beate
Moderator/in

Offline Offline

Beiträge: 1,511


Geo Girl


Profil anzeigen WWW
« Antwort #1 am: 15. September 2008, 11:38:43 »

Liebe Wiebke,

willkommen hier und vielen Dank für die ausführliche Vorstellung.

Das was Du schilderst, hat durchaus Ähnlichkeit mit meinem Empfinden in alle den Jahren vor meinem Wechsel. Transgeschlechtlichkeit ist halt nun einmal nichts binäres, und außerhalb des Lichts des gerne verwendeten Klischees sind gar nicht so wenige Betroffene in gewisser Weise zwischengeschlechtlich. Fragt sich nur, was daraus folgt - da müssen wir alle unsere eigenen Wege finden.

Vielleicht hast Du Dich ja bereits ein wenig eingelesen? Ich kann mir gut vorstellen, dass Du in einigen Threads hier den einen oder anderen Denkanstoß bekommen könntest.
Gespeichert

Viele liebe Grüße

Beate
brambles
Forennutzer/in

Online Online

Beiträge: 203


auf myspace bin ich hübscher

engel_michelle
Profil anzeigen WWW E-Mail

Ignorieren
« Antwort #2 am: 15. September 2008, 15:44:48 »

Ich denke auch, dass ich hier bin, weil ich möchte, dass endlich mal ein paar Leute "sie" statt "er" sagen, wenn sie von mir reden. Also bitte zieht über mich her, wenn's sein muss, nennt mich "Schlampe" oder "dumme Gans", wenn ihr wollt, ich kann's vertragen - nur nicht "er" sagen, bitte.

ach, zu Gott sagen sie auch "er", und weißt wie wurscht es ihr ist?
du bist in guter gesellschaft.
Gespeichert

"Je suis totalement obsédée, Doucement s'il te plait"
  Smoke City, 2005
lilith
Forennutzer/in

Offline Offline

Beiträge: 15



Profil anzeigen

Ignorieren
« Antwort #3 am: 15. September 2008, 17:21:44 »

Hey. Ich habe auch ähnliche erlebnisse gemacht. Ich mag es auch nicht wenn meine arbeitskollegen mich immer als mann sehen. Oder wenn ein verkäuferin Kunde sagt. Kopf hoch und nur mut.
Gespeichert

lache und die Welte lacht mit dir, Weine und du weinst alleine.
Nelly
Forennutzer/in

Offline Offline

Beiträge: 4



Profil anzeigen E-Mail

Ignorieren
« Antwort #4 am: 15. September 2008, 19:02:12 »

Liebe Wiebke,
aus Erfahrung weiss ich, dass erst mal sehr viel im Kopf passiert.
Eine wichtige Frage bei der Selbstidentifizierung hast du ja erst mal dir selbst beantwortet.

"Außerdem würde ich mich innerlich gar nicht mal als Frau definieren, sondern eher als androgyn mit

überwiegender weiblicher Seite."

Diese Einschätzung ist aber nicht endgültig festlegbar da frau sich ja weiterentwickelt.
Gegen deine emotionale Einsamkeit hilft nur eins: Du solltest dich öffnen gegenüber einer
Person deines Vertrauens. Auf jedem Fall solltest du mit deiner Frau reden,langsam, vorsichtig und
Schritt für Schritt.Es kann durchaus sein, dass für deine Frau eine Welt zusammen bricht aber ich denke
wenn ihr aus Liebe geheiratet habt kann Sie es akzeptieren dass da in dir eine weibliche Seite ist.
Dein weibliche Seite wohnt in eurer gemeinsamen Wohnung und du wirst sie auf Dauer nicht verstecken

können, dazu kommt die Angst vor Entdeckung, das kostet Kraft die irgendwann nachlässt.
Ausserdem ist es von Vorteil wenn man sich in den eigenen vier Wänden ungezwungen bewegen
kann und frei denken kann.
Zuhause kann ich mich als "Teilzeitfrau" entfalten ohne Einschränkungen.
Ich lebe mit meiner Lebensgefährtin schon 15 Jahre zusammen, sie wusste es von Anfang an.
Und sie ist auch hoffnungslos heterosexuell.    Wink

LG Nelly
Gespeichert
Sarah-Maria
Administrator/in

Offline Offline

Beiträge: 462


Schublade: TV


Profil anzeigen WWW
« Antwort #5 am: 15. September 2008, 20:12:31 »

Moin Wiebke,

herzlich Willkommen. Ich starte direkt mal mit ner Frage: Du warst schon beim Arzt und hast nen Termin beim Psycho. Was sagt denn deine Frau dazu? Wenn du es ihr noch nicht erzählt hast: warum nicht?

Ich finde ja, dass man sich erst mal selber mit seiner Situation auseinander setzen sollte und dann seine direkte Umwelt einweihen sollte. Danach würde ich persönlich dann die Hilfe extern suchen. Ich bin gespannt, wie es bei dir weiter geht. Smiley

Die Sarah

BTW: Eine Frage an die Fachfrauen, gibt es Empfehlungen, ob man Depressionen vorher heilen sollte, oder eine Heilung durch die Transition erfolgen könnte? Also als generelle Frage.
« Letzte Änderung: 15. September 2008, 20:25:21 von Sarah-Maria » Gespeichert

Meine Homepage anschauen?

"Unter dieser Perücke gibt es ein Hirn und unter diesen Titten ein Herz."
Dolly Parton
Michela
Forennutzer/in

Offline Offline

Beiträge: 162



Profil anzeigen

Ignorieren
« Antwort #6 am: 15. September 2008, 21:38:26 »

Hallo Wiebke,

im Gegensatz zu Sarah habe ich mich zuerst getraut, mit einer Psychiaterin aus dem Telefonbuch über mein Problem zu reden. Für mich war es viel leichter, mich erstmalig einer wildfremden - aber professionellen - Person anzuvertrauen, als dem engsten Freundes- oder Verwandtenkreis. Trotzdem fiel es mir unglaublich schwer. Diese Psychiaterin war auch keine Expertin für TS, sie hatte davon nur im Studium am Rande mal was gehört, hat sich aber sehr einfühlsam sehr viel Zeit genommen. Und sie hat mir Mut gemacht, was wohl das wichtigste war.

@Sarah: Nach dem, was ich gelesen habe, sind Depressionen viel gefährlicher als die Transition. Sie sollten vorrangig behandelt werden. Nach jedem kleinen Transitions-Schrittchen muss es besser sein als vorher, sonst ist Warten die bessere Lösung. Depressive Phasen sind kein günstiger Zeitpunkt, um die Transition voranzutreiben. Wenn Du aber meinst, mit der Transition warten zu können, bis "die Depression" geheilt ist, wirst Du nie beginnen können. Es ist nach dem, was ich gelesen habe, sehr unwahrscheinlich, Depressionen wie einen Schnupfen endgültig auskurieren zu können - insbesondere, wenn die Ursache (z.B. TS) noch fortbesteht.

Liebe Grüße, Michela



Gespeichert
Wiebke
Forennutzer/in

Offline Offline

Beiträge: 240


Möchtegern-XX


Profil anzeigen

Ignorieren
« Antwort #7 am: 15. September 2008, 21:56:49 »

Du warst schon beim Arzt und hast nen Termin beim Psycho. Was sagt denn deine Frau dazu? Wenn du es ihr noch nicht erzählt hast: warum nicht?

Ich finde ja, dass man sich erst mal selber mit seiner Situation auseinander setzen sollte und dann seine direkte Umwelt einweihen sollte. Danach würde ich persönlich dann die Hilfe extern suchen.

Ja, so fände ich's auch schöner, aber die Kraft habe ich im Moment einfach nicht. Ich hoffe halt, dass die Psychologin mir schonmal ein bisschen dabei helfen kann, bei meinen ganz persönlichen Problemen etwas klarer zu sehen. Dann kann ich mich vielleicht etwas besser auf die Beziehungskiste konzentrieren und habe die Kraft, mit meiner Frau zu reden (und zwar auf intelligente Weise, nicht so krisenhaft wie das jetzt garantiert der Fall wäre).

Ist ja nicht so, dass ich schon zur Psychologin gehe, damit die mir einen Schrieb für Hormone gibt. Ich will ganz allgemein etwas in meinem Kopf aufräumen. Ob sich meine Depression ohne Transition "heilen" lässt, muss man dann sehen. Besser wär's allemal, aber ich hab so meine Zweifel...

@Michela: Ich sehe das auch so mit den wildfremden Menschen, aber so ganz aus dem Telefonbuch muss es in der Tat unglaublich schwer sein. Bei mir ist es so, dass der schwerste Schritt zuerst das Gespräch mit meiner Hausärztin war, aber sie hat professionell reagiert und ich vertraue ihr: Wenn sie mir in Kenntnis des Problems einen Namen nennt, dann gehe ich davon aus, dass ich mit der betreffenden Person auch vernüftig werde reden können. Deswegen habe ich auch einen Termin Ende Oktober akzeptiert, anstatt es im Telefonbuch zu versuchen.

Vielen Dank auch an alle anderen, die sich die Zeit genommen haben zu lesen und eine Nachricht zu hinterlassen.
Gespeichert
Michela
Forennutzer/in

Offline Offline

Beiträge: 162



Profil anzeigen

Ignorieren
« Antwort #8 am: 15. September 2008, 22:24:50 »

Ich sehe das auch so mit den wildfremden Menschen, aber so ganz aus dem Telefonbuch muss es in der Tat unglaublich schwer sein. Bei mir ist es so, dass der schwerste Schritt zuerst das Gespräch mit meiner Hausärztin war, aber sie hat professionell reagiert und ich vertraue ihr: Wenn sie mir in Kenntnis des Problems einen Namen nennt, dann gehe ich davon aus, dass ich mit der betreffenden Person auch vernüftig werde reden können. Deswegen habe ich auch einen Termin Ende Oktober akzeptiert, anstatt es im Telefonbuch zu versuchen.
Naja, irgendwie wollte ich mit einer Frau drüber reden und die Möglichkeit haben - wenn es total daneben geht - sie nie wieder sehen zu müssen. (Mein Hausarzt war dann der Zweite.) Natürlich bin ich jetzt wegen der Transition bei einem TS-Spezialisten in Therapie. Bei ihr hatte ich nur ein einmaliges Gespräch, aber sie hat mir einen Großteil der Angst genommen.

Ciao, Michela
Gespeichert
Beate
Moderator/in

Offline Offline

Beiträge: 1,511


Geo Girl


Profil anzeigen WWW
« Antwort #9 am: 15. September 2008, 23:05:51 »

Hallo Sarah
mach uns keinen Kummer
... Eine Frage an die Fachfrauen, gibt es Empfehlungen, ob man Depressionen vorher heilen sollte, oder eine Heilung durch die Transition erfolgen könnte? Also als generelle Frage.
ohne die Ursachen Deiner Depression genau zu kennen, heißt die logische Antwort  nein: wenn die Depression eine andere Ursache hat als die Transsexualität, wird sie durch den Wechsel nicht besser. Also sollte man sich erst mal über die Ursache der Depression klarwerden. Auf der anderen Seite führt Transsexualität ja oft genug zu Depressionen. Der Anteil, der von der Transsexualität verursacht wird, wird durch den Wechsel in der Regel besser, vor allem, wenn man in einem sozial gefestigten und abgesicherten Umfeld lebt.

@Sarah: Nach dem, was ich gelesen habe, sind Depressionen viel gefährlicher als die Transition. Sie sollten vorrangig behandelt werden.
Nach einem Blick in die mir zur Verfügung stehende Literatur kann ich sagen, dass dies weder von Herrn Pfäfflin (im Therapieleitfaden Transsexualität) noch von Frau Becker so formuliert wird. Sogar die spricht von einem der Gesamtsituation angepassten Therapieplan.

Eine psychotherapeutische Begleitung bietet natürlich die Chance, neben der transsexuellen Selbstfindung auch ander Themen zu bearbeiten, besonders, wenn man auf dem Weg ist und die Entlastung durch die Transition spürbar ist.
Gespeichert

Viele liebe Grüße

Beate
brambles
Forennutzer/in

Online Online

Beiträge: 203


auf myspace bin ich hübscher

engel_michelle
Profil anzeigen WWW E-Mail

Ignorieren
« Antwort #10 am: 16. September 2008, 17:11:19 »

BTW: Eine Frage an die Fachfrauen, gibt es Empfehlungen, ob man Depressionen vorher heilen sollte, oder eine Heilung durch die Transition erfolgen könnte? Also als generelle Frage.

ich bin keine fachfrau, aber für depressionen aus persönlicher anschauung sehr kundig.

meine persönliche subjektive einschätzung: Eine depression ist nicht heilbar, muss aber so schnell wie möglich richtig behandelt werden.  Unabhängig von jeder anderen zusätzlichen disposition. Jemand den es richtig erwischt hat, der schafft es nicht mal bis zum briefkasten, geschweige denn kann er darauf warten dass irgend ein antrag bewilligt, ein gutachten durch ist, usw. der schreibt auch keinen abschiedsbrief mehr.

dazu ist zu sagen, wenn ich mir die medikationslisten ansehe, die andere in einem anderen forum genannt haben, hab ich zweifel dass depressionen im allgemeinen richtig behandelt werden.

ich sehe für depressionen in erster linie physische ursachen im gehirnstoffwechsel, die natürlich von einer pesönlichen stress-situation verschlimmert werden (können). Das abstellen der speziellen stress-situation transidentität dauert zu lange, als dass es im akuten fall hilft. eEine ausnahme kann sein, wenn man sich selber wieder aus dem sumpf rausziehen kann, es gibt da so techniken die (mir) für ein paar monate helfen, bis das drecksding das nächste mal zuschlägt, aber das lässt sich bei einem akuten anfall nicht mehr lernen.

Niedergeschlagenheit, schlechte stimmung, deprimiert oder ausgelaugt sein weil alles so lang dauert, ist was anderes, das sind keine depressionen.

Ich selber sehe meine depressionen als von meiner identitätsstörung nicht verursacht, maximal verstärkt, daher mach ich mir keinerlei hoffnung dass hier eine transition was nützen würde. Was mir auch fachärzte für psychotherapie, und nicht irgendwelche geistheilende therapeuten aus der abendschule bestätigt haben.

Natürlich muss man alles in der gesamtheit sehen. Wenn jemand depressionsartige zustände hat, weil eben der stoffwechsel künstlich verändert wird, der hormonspiegel neu eingestellt, wenn jemand wegen transidentität zu viel energie verbraucht zum leben, dann seh ich einen zusammenhang zwischen TS/TI und Depression. Aber auch dann muss etwas dagegen getan werden. z.B. der medikamentenmix verändert werden.

Extrem schwierig sehe ich die behandlung des dreigestirns aus natürlich veranlagter depression, der durch die transidentität bedingten verstärkung, und dem durch die hormonelle transition ausgelösten anteil. Es wundert mich dass das jemand überhaupt überlebt. Vielleicht tuts von den in dieser konstallation betroffenen auch keiner. Wenn mir noch an meinem hormonhaushalt rumgepfuscht worden wäre, hätt ich z.B. die letzten tage... aber das ist zu persönlich.
« Letzte Änderung: 16. September 2008, 17:52:15 von brambles » Gespeichert

"Je suis totalement obsédée, Doucement s'il te plait"
  Smoke City, 2005
georgina
Forennutzer/in

Offline Offline

Beiträge: 51



Profil anzeigen

Ignorieren
« Antwort #11 am: 16. September 2008, 20:27:43 »

Ich denke Beate sieht das ganz realistisch.
Der Konflikt, den wir alle haben und der uns bis zur "Wende" quält, ist der Identitätskonflikt.  Dieser ist fundamental  und er führt zu einer Reihe von "Töchterkonflikten": Wir haben aufgrund unserer Schwierigkeiten mit unserer fragilen  Identität sekundär gewaltige Selbstwertprobleme, massive Schuldgefühle, Abhängigkeitstendenzen usw.
"Ich bin eine Frau, aber im Körper eines Mannes!": das ist ein gewaltiger Widerspruch, der grundlegender nicht sein kann. Frau kann das verdrängen (und tut es ja viele Jahre) und daraus erwächst ev. die Depression, so keine tiefgreifenden Kompensationsmöglichkeiten zur Verfügung stehen (z.B. beruflicher Art). Wobei es egal ist, ob die Verstimmung als Dysthymie oder als schwere Depression daherkommt: ekelig sind alle Formen. Wenn der Grundkonflikt nicht konstruktiv bearbeitet wird, dann beginnt sich die Depression zu verselbstständigen. Die chemischen Reaktionen (Neurotransmitterverschiebungen im limbischen System) sind Folge davon, aber nicht Ursache. Angeborene Depressionen gibt es nicht. Es lässt sich psychodynamisch gesehen immer ein Konflikt identifizieren, wie unbewusst und abgekapselt er auch gehalten wird. Bei uns TS in 99% der Fälle primär ein Identitätskonflikt, mit gewaltigen Verwerfungen in der gesamten Seele.
Kein Therapeut kann sich hineinversetzen, wie sich diese innere "Bombe" anfühlt. Welches tägliche Leid damit verknüpft ist, wie ohnmächtig frau/mann am Anfang ist. Und der Anfang beginnt in der frühen Kindheit und es endet oft sehr spät. All die Demütigungen, Niederlagen, Einsamkeitsgefühle, Wiebke hat es ja beschrieben und wir kennen es ja alle nur zu gut.

Das wichtigste ist eine Art Identitätsaufbau.  In der Psychotherapie sollte ermutigt werden neue Schritte zu gehen, aber vor allem:  das Wichtigste ist, das frau sich ihrer weiblichen Identität vergewissert und diese als Anker des Wohlfühlens selbstverständlich wird. Dazu hilft es auch, sich der schönen weiblichen Seiten der Kindheit zu erinnern. Ich nenne es immer "meine weibliche Biographie schreiben". In einem anderen Thread habe ich von Wärme-Spots geschrieben, also Identitätssankern.

Die Depression wird nur scheinbar behandelt, sondern eher die dahinter stehenden Konflikte (s.o.). Insofern kann es auch nicht darum gehen, die Depression "zuerst" zu behandeln. Ist die Sache schon sehr verfahren und die Depression hat sich verselbstständigt, lebt also traurig ihr Eigenleben, dann helfen neben Antidepressiva eigentlich nur euthyme Strategien: eine konsequente Wende im eigenen Leben in Richtung Selbstfürsorglichkeit und sich Gutes tun. Genussregeln lernen, den eigenen weiblichen Umgang mit Positiva frei werden lassen. Sich aus dem männlichen Rollen-Gefängnis herauszubewegen in das weite weibliche Land des Gefühls und der ureigenen Sehnsüchte. In ganz kleine Schritten und zunächst im Stillen für sich. Sich gewiss zu werden, bevor die grossen Schritte wie das Outing kommen. Der/die TherapeutIn kann helfen, das zu schaffen. Das bedeutet: lernen, sich auch über die kleinen Blumen am Rande zu freuen und nicht nur auf die große Transition zu starren. Als Frauen haben wir Freude auch an den kleinen Dingen. Die Männerrolle phantasiert immer große Lösungen und speist damit das Ego. Die kleinen alltäglichen Freuden zu entdecken in all ihren weiblichen Schattierungen und diese genießen lernen - das ist wahre Therapie. Das tut gut und hilft in der Welt, in der wir endlich ankommen wollen und werden, sich zu Recht zu finden.

Was meine Ehe angeht ist meine Frau hoffnungslos heterosexuell und würde mich als Frau sicher nicht ertragen.

Was wie ein Bollwerk aussieht, kann auch Schein sein: viele („Bio“)Frauen wehren Lesbisches ab und scheinen da ganz eisern zu sein. Die Entwicklung zeigt dann oft, dass es ganz anders geht. Meine Partnerin war auch so eingestellt („ich mag nur Schwänze“), hat aber dann im Zuge der Entwicklung neue Seiten an sich entdeckt. Und erkannt, dass sie eigentliche ja sowieso eine Frau (=mich) geheiratet hatte. Beziehungen mit Männern hatte sie nämlich nie lange ausgehalten. Nur: Ganz langsam das Ganze angehen und zuerst die Selbstvergewisserung. Wenn es Dir klar ist, dann behutsame Öffnung.

Eine Frage an die Fachfrauen, gibt es Empfehlungen, ob man Depressionen vorher heilen sollte, oder eine Heilung durch die Transition erfolgen könnte? Also als generelle Frage.

Frau sollte am Grundkonflikt (Identität) arbeiten (praktisch, euthym). In 99% der Fälle mildert das die Depression. Praktisch sollte man zunächst ausserdem das soziale Feld absichern bzw. weiter entwickeln. Und erst, wenn das soziale Feld abgesichert bzw. weiter entwickelt und der Grundkonflikt ausreichend bearbeitet wurde (s.o.), sollte mit der Transition begonnen werden. Denn die erfordert jede Menge Kraft. Die frau in der Depression nicht hat. Ich habe mich auch erst Mal abgesichert (neue Arbeitsstelle), bevor ich meine Transition gestartet habe. Zumal ich mir an der alten Arbeitsstelle eine Depression eingefangen hatte (Mobbing).


Ich finde ja, dass man sich erst mal selber mit seiner Situation auseinander setzen sollte und dann seine direkte Umwelt einweihen sollte. Danach würde ich persönlich dann die Hilfe extern suchen.
Ja, so fände ich's auch schöner, aber die Kraft habe ich im Moment einfach nicht. Ich hoffe halt, dass die Psychologin mir schonmal ein bisschen dabei helfen kann, bei meinen ganz persönlichen Problemen etwas klarer zu sehen. Dann kann ich mich vielleicht etwas besser auf die Beziehungskiste konzentrieren und habe die Kraft, mit meiner Frau zu reden (und zwar auf intelligente Weise, nicht so krisenhaft wie das jetzt garantiert der Fall wäre).

Ist ja nicht so, dass ich schon zur Psychologin gehe, damit die mir einen Schrieb für Hormone gibt. Ich will ganz allgemein etwas in meinem Kopf aufräumen. Ob sich meine Depression ohne Transition "heilen" lässt, muss man dann sehen. Besser wär's allemal, aber ich hab so meine Zweifel...

So sehe ich das auch. Wobei Du bei der Therapie darauf achten solltest, dass die Therapie wirklich eine Anleitung zum Glücklichsein wird. Probleme – zumal Identitätsprobleme – sind dazu da, bewältigt und durch was Besseres ersetzt zu werden. Es sollte auf Positiva, Genuss, Lebensfreude, Selbstmanagement, sich Befreit fühlen hinauslaufen. Nicht gleich, aber nach einiger Zeit solltest Du beginnen, das zu erleben.

Liebi Grüessli

georgina
Gespeichert

"Das Auftreten eines bösen Gedankens ist eine Krankheit: ihn nicht fortzuspinnen ist die Medizin." (Katsuki Sekida)
brambles
Forennutzer/in

Online Online

Beiträge: 203


auf myspace bin ich hübscher

engel_michelle
Profil anzeigen WWW E-Mail

Ignorieren
« Antwort #12 am: 17. September 2008, 10:45:13 »

Denn die [transition] erfordert jede Menge Kraft. Die frau in der Depression nicht hat.

Sag ich doch. Darin sind wir uns einig. Die Depression (wenn du sie hast) bringt dich um. Wenn du Pech hast, bevor dir die Transition helfen kann. Oder halt, bevor das neue Leben nach der Transition einen Unterschied machen kann. Und manchmal auch, weil das neue Leben nach der Transition hierin grade keinen Unterschied macht.

Bezüglich des Werts von Therapien bin ich aber ziemlich skeptisch. Ausser bisserl Seele streicheln (ja, es tut gut jede Woche einmal hinzugehen, und jemand zu haben der sich das alles anhört) kam ned viel rüber. Weitergebracht haben mich drei Jahre (mit Pausen) Therapie nicht. Eher im Gegenteil.

Vielleicht hab ich die Zunft auch überfordert. Ich wollte ja primär keine Diagnose und kein Gutachten, sondern Hilfestellungen mit mir leben zu lernen, als selbstdefiniertes androgynes Wesen, dass sich nicht vom Körper die Lebensrolle, die Verhaltensweisen, die Sexualität, die Kleidung, die Farbe der Söckchen, usw. vorschreiben lassen will. Und genausowenig umgekehrt von einer seelischen Befindlichkeit den Zustand eben dieses Körpers.

Ich halte weder von Dauermedikation, noch von Psychotherapie viel, noch von chirurgischen Maßnahmen, ich bezweifle zu allererst das Interesse jeder Person, die mir was verkaufen will, an meinem Wohlergehen, und auch die Fähigkeit der medizinischen Systeme, einem Patienten bei chronischen Zuständen helfen zu wollen. Alles was zum Dauerzustand wird, wird letztlich langfristig aus wirtschaftlichen Gründen als eben dieser Dauerzustand zementiert.

(Einwurf: Warum gibts keinen Impfstoff für HIV? Weil man an Medikation für chronisch Kranke mehr verdient. Warum sollen Raucher als Sucht-KRANKE definiert werden? weil die "Hilfen" dann von den Kassen bezahlt werden müssen)

Die Rolle des Ehepartners? Wer seine Beziehung ernst nimmt, hat an ihr ganz schön zu kauen. Beide übrigens. Aber zu sagen, die Frau wird schon erkennen dass sie eigentlich eine Frau wollte, klingt ganz erfrischend locker, weckt aber falsche Hoffnungen. Die Bollwerke stehen ziemlich massiv. Dann wäre "lieber ein Ende mit Schrecken als Schrecken ohne Ende" die bessere Devise.

Ich hab die letzten Jahre lernen müssen, dass die potentielle Eigung eines Menschen als Sexualpartner eine Riesenrolle spielt, bei Beziehungen, bei Gruppendynamik, beim Zusammenleben, ja sogar schon beim Zahlen an der Tankstelle, oder einer Alkoholkontrolle durch die Polizei (Caveman is everywhere).

Daher funktioniert eine Beziehung nur dann durch so eine Umstellung durch, wenn eben die Eignung als Sexualpartner keine Rolle (mehr) spielt, oder durch den Geschlechtswechsel hindurch nicht verändert wird. Ja ich weiß, jeder Mensch ist bi. Manche glaubens aber ned Smiley Und manchmal spielt auch die Genderidentität des Partners eine große Rolle, ich mein der Status des starken Mannes an ihrer Seite verändert sich schon stark, wenn er ne schlacksige Frau wird. Welche Aspekte eines Menschen dem anderen wichtig sind, merken beide halt erst wenn sie sich verändern. Auch wenn ich ned viel von Helen Boyd literarischen Qualitäten und menschlicher Reife halte, aber ihr zweites Buch "she is not the man I married" bringt genau das ziemlich simpel, aber verständlich rüber.
Gespeichert

"Je suis totalement obsédée, Doucement s'il te plait"
  Smoke City, 2005
cvetoslava
Forennutzer/in

Offline Offline

Beiträge: 484


mala djevojka

kvetinka1969
Profil anzeigen WWW E-Mail

Ignorieren
« Antwort #13 am: 17. September 2008, 11:02:39 »

Wobei es egal ist, ob die Verstimmung als Dysthymie oder als schwere Depression daherkommt: ekelig sind alle Formen. Wenn der Grundkonflikt nicht konstruktiv bearbeitet wird, dann beginnt sich die Depression zu verselbstständigen. Die chemischen Reaktionen (Neurotransmitterverschiebungen im limbischen System) sind Folge davon, aber nicht Ursache. Angeborene Depressionen gibt es nicht. Es lässt sich psychodynamisch gesehen immer ein Konflikt identifizieren, wie unbewusst und abgekapselt er auch gehalten wird. Bei uns TS in 99% der Fälle primär ein Identitätskonflikt, mit gewaltigen Verwerfungen in der gesamten Seele.

Hallo Georgina,

darum verschwanden nach dem Outing meine psychosomatischen Beschwerden fast wie von selbst, die Suizidalität aber esr nach der gaOP.

LG Cveta
Gespeichert





Extra Gottingam non est vita, et, si est, non est ita.
cvetoslava
Forennutzer/in

Offline Offline

Beiträge: 484


mala djevojka

kvetinka1969
Profil anzeigen WWW E-Mail

Ignorieren
« Antwort #14 am: 17. September 2008, 11:09:07 »

Ich mag es auch nicht wenn meine arbeitskollegen mich immer als mann sehen.

Halllo Lilith,

dann musst Du es auch denen sagen. Während meiner beruflichen Fortbildung habe ich auch Lehrern und MischülerInnen auf meine Situation hingewiesen. Es ist nämlich was anderes, ob man Freak oder Frau ist.

LG Cveta
Gespeichert





Extra Gottingam non est vita, et, si est, non est ita.
Tags:
Seiten: [1] 2 3   Nach oben
  Drucken  

 
Gehe zu:  

Powered by SMF 1.1.7 | SMF © 2006-2007, Simple Machines LLC
Seo4Smf v0.2 © Webmaster's Talks
| impressum| Sitemap

based on Dilber MC Theme